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Graswurzelrevolution auf dem Lindenberg

Zeit: 1973 | Ort: Faustmühlenweg 
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Wolfgang Zucht, geb.  1929 in Berlin, verstorben am 17. September 2015 in Kassel betrieb gemeinsam mit seiner Frau Helga Weber, geb. 1935 in Kassel, im Kasseler Steinbruchweg den Verlag „Weber & Zucht“, der Literatur zum Anarchismus und zu libertären Bewegungen verlegt. Ab 1958 war Zucht Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner und im Verband der Kriegsdienstverweigerer. 1972 wurde er Mitherausgeber einer Zeitung, die sich später „Graswurzelrevolution“ nannte, eine „anarchopazifistisch“ ausgerichteten Monatszeitschrift. Zusammen mit seiner Frau Helga Weber lebte er von 1965 an 8 Jahre in England, 1973 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Seitdem lebte die Familie im Steinbruchweg, wo er die sog. Graswurzelwerkstatt gründete. Von hier aus betrieb er zusammen mit seiner Frau eine Versandbuchhandlung.

Wolfgang Zucht wuchs auf einem Bauernhof in der Uckermark auf, hierhin war die Familie nach dem Verlust Westpreußens umgesiedelt worden. Aus der Not der Bauern heraus tendierte der Vater zum Nationalsozialismus, schon um die sog. „Zinsknechtschaft“ zu brechen. Vom Dienst beim  Jungvolk und  der Hitlerjugend drückte er sich, wann immer es ging. Nachdem sein Vater wegen eines Unfalls erwerbsunfähig wurde,  lebte die Familie in Brandenburg, Wolfgang bekam Ärger mit der Hitlerjugend, durch die Wirren des Kriegsendes aber verlief alles im Sande. Er flüchtete in den Westen, wo ihn jenseits der Elbe amerikanische Soldaten nicht aufnehmen wollten. Im Grunde, so schreibt er, hatte er immer noch eine nationalsozialistische Grundeinstellung. Das änderte sich abrupt, als im letzten Schuljahr ein Lehrer es erreichte, das alle der Klasse, einige waren Soldaten gewesen, sogar bei der Waffen-SS, ihren „Nazi-Hangup“, wie er es nennt, gründlich los wurden. „Von ihm hörten wir zum ersten Mal von einem Sozialismus freiwilliger Zusammenschlüsse, von gegenseitiger Hilfe, von der Notwendigkeit von Gewerkschaften ohne Hierarchie und Bürokratie, damit die Kontrolle über die Entscheidungen durch die Arbeitenden gewährleistet ist“, sagt er in einem Interview. Anfang der 60-er Jahre lebte er in Hannover und kam dort durch die Ostermarsch-Bewegung zu einem neuen Freundeskreis, bei dem es um Kriegsdienstverweigerung, Pazifismus, Gandhi, Atomwaffen, also um Friedensbewegung ging. 

Durch die Arbeit in den Organisationen der Kriegsdienstverweigerer kam er in Kontakt mit deren Internationale, der War Resisters' International (WRI) „ und nahm im Sommer 1963 an einer Studienkonferenz über Gewaltlosigkeit und sozio-ökonomische Veränderung teil. 1964 nahm er an einer Studienkonferenz der WRI(War Resisters' International) teil und lernte dort Helga Weber kennen.

Helga Webers  Eltern waren in den späten 20er Jahren Mitglieder im Internationalen Jugendbund und in der Kommunistischen Partei (KPD). Als das nicht mehr möglich war, entschied sich ihre Mutter für den ISK, der Vater blieb  in der KPD.

Aus verschiedenen Gründen traten die Eltern aus der Kirche aus. Von 1943 bis 1949 ging Helga als Evakuierte in einem kleinen Dorf zur Schule,  der Vater wollte nicht, dass sie zu sehr mit chistlichen Ideen (Opium für‘s Volk) indoktriniert wurde, dadurch meint Helga Weber, wurde sie selbstbewusst, weil sie sich mit den anderen Mädchen in Streitgespächen über „Gott im Himmel“ auseinandersetzen musste. Sie bedauert, dass sie ohne besondere Feier die Schule verlassen musste, später in Kassel, so sagt sie, gab es dann für ihren Bruder wieder eine Jugendweihe, aber nicht im Sinne der in der DDR praktizierten Form. Auf dem Hintergrund der politischen Vorstellungen ihrer Eltern kam sie Anfang der 50er Jahre zu den Naturfreunden.  Zunächst wurde gewandert und getanzt, später dann aber im Rahmen politischer Bildung Reisen nach Warschau, Auschwitz, Buchenwald unternommen, woraus bei ihr die Überzeugung entstand, das Militär abzulehnen, weil besonders daraus die großen Kriege entstanden.  Kassel war damals eine zu 85 % aus Trümmern bestehende Stadt. Sie sagte: „Diese Trümmer, die Kenntnisse all der Leiden im Krieg und die Verfolgungen in der Nazizeit trugen ganz wesentlich zu meiner Prägung und Sozialisation bei“. Wolfgang Borcherts „Sag Nein“ prägte sie.  Aus dieser Naturfreundejugend entwickelte sich eine Gruppe der Kriegsdienstverweigerer, deren Grundsatzerklärung sie (später auch ihr Mann) unterschrieb: „Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten“. 1964 ging sie nach Offenbach, um hauptberuflich für die Ostermärsche in Hessen zu arbeiten.

weberzucht RandWolfgang Zucht erzählte, dass während dieser Zeit war seine Entwicklung und Haltung zum Thema „Krieg und Frieden“ geprägt durch theoretische Auseinandersetzungen, Literatur und Diskussion. In Offenbach lernte Zucht seine Frau kennen und lieben.

Von 1965 bis 1969 arbeitet Wolfgang Zucht in England im Londoiner WIR-Büro, Helga Weber arbeitete als „Au pair“-M ädchen, um die Sprache zu lernen. Die Familie wohnte in England mit einer anderen zusammen, die Anarchisten und als solche auch Atheisten waren. Von 1969 bis 1972 arbeitete er in einer britischen Menschen– und Bürgerrechtsorganisation, wo es um den Nord-Irland-Konflikt ging, daraus folgernd für die Durchsetzung der Menschen-und Bürgerrechte unabhängig von religiösen Bindungen. Es ging auch um Fragen wie der Rassendiskriminierung , Probleme der Strafgefangenen und der „Boy-Soldiers“ (diese wurden mit 14 Jahren von den Eltern zum Militärdienst verpflichtet wurden und mussten bis zum 30. Lebensjahr bei der Armee bleiben). Helga Weber lernte hier viele Menschen, die auf ihrem spirituellen oder religiösen Hintergrund Friedensarbeit machten. Sie schreibt: „Allerdings war mir aufgefallen, dass einige religiös ausgerichtete Menschen die Ansicht vertraten, gewaltloses Handeln sei nur aus einer religiösen Haltung heraus möglich. Das war für mich nicht nachvollziehbar, weil allen anderen damit die Fähigkeit abgesprochen würde, sich aus eigenem Wollen heraus gewaltlos zu verhalten, bzw. ethische Maßstäbe zu formulieren, sagte sie später.

1973 kam die Familie wieder nach Deutschland zurück. Hier warben sie für ihre Ideen, wobei die Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ das wichtigste Organ der gewaltfreien Aktionsgruppen  war. Von 1974 bis 1982 arbeiteten sie hauptberuflich für die Koordination der gewaltfreien Aktionsgruppen. Das alles ging nur, weil Helgas Mutter sie im Steinbruchweg  aufnahm. Sie lebten von den wenigen Spenden, die sie für die Koordinationsarbeit erhielten. Das ging nur, weil sie sich einen gewissen alternativen Lebensstil angeeignet hatten, der Hausgarten halft da sehr.

Die Eltern von Helga Weber hatten immer zur Miete gewohnt und dort viele negativen Erfahrungen gemacht, indem sie von den unterschiedlichen Hauswirten denunziert, bzw. bei den Nazi-Behörden „angebracht“ wurden, weil die Besuche von Freunden wie politische Zirkel wirkten. „Wolfgang und ich konnten in diesem Haus fast kostenlos wohnen und in unserer kleinen Küche die Koordination für die gewaltfreien Aktionsgruppen machen. Zu unserem Politikverständnis gehören auch Formen von alternativem Leben. Lebensreform war auch Teil unserer politischen Arbeit. In unserem Garten zogen wir unser eigenes Obst und Gemüse (und tun das immer noch) und hatten Bienenstöcke. Aber nicht nur für uns, sondern für die überwiegend jungen Leute in den gewaltfreien Aktionsgruppen gehörte es zum politischen Anspruch an sich selbst, dass der eigene Lebensstil zu einer ökologischen, libertären und friedvollen Zukunftsvorstellung passen müsste. Damit hatten wir persönlich – wenn auch in Grenzen – fast eine Art freie und unabhängige Lebensform gefunden“.

weberzucht
Foto: Familie Weber/Zucht mit "Ortsteilbotschafter" Dr. Marc Urlen im Haus Forstbachweg (Mrz. 2013)

Helga Weber und Wolfgang Zucht betreiben auf dem Lindenberg einen Verlag und eine Versandbuchhandlung. Helga Weber ist bei den Forstfelder Bürgerinnen und Bürgern bekannt, da sie vormittags regelmäßig mit ihrem Fahrrad Bücherpakete zur Post bringt. Wenn sie Veranstaltungen durchführten, war ihr Markenzeichen, dass sie stets ihren Büchertisch dabei hatten und gerne auch ihre Bücher verkauften.

Eine größere Veranstaltung hatten sie im März 2013 im Rahmen des Kasseler  Jubiläums. „Ortsbotschafter“ Dr. Marc Urlen lud die Familie Weber/Zucht  zu einem Gespräch im Haus Forstbachweg ein, etwa 30 Bürgerinnen und Bürger nahmen an der Veranstaltung teil.

Davon erstellte ich einen Filmmitschnitt und kürzte ihn kaum, diesen Film können Sie oben anklicken und ansehen. Wenn Sie nur den Ton haben möchten, können Sie diesen unten herunterladen. Die Soundqualität ist hier besser.

Autor und Redaktion: Falk Urlen, Oktober 2015

Fotos: Falk Urlen (Extrahiert aus dem Filmmitschnitt der Veranstaltung zum Kasseljubiläum 2)

 

 

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