Textbeitrag von Erhard Schaeffer
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Der Bettler

Zeit: 1957 | Ort: Eichwaldstraße 
Monika Klemmstein 2006

Monika Klemmstein, in Kassel Bettenhausen geb. und Mitglied der AWO Literaturagentur, erzählt einfühlsam eine Nachkriegsgeschichte über Menschen die im sog. "Dschungel", einem ehemaligen Zwangsarbeiterlager der Nazizeit unterhalb des Eichwaldes , leben mussten. Menschen die durch den Krieg körperlich und seelisch geschädigt, entwurzelt und ihrer Heimat beraubt waren ("DP" Displaced Person ), die in Zeiten der Wohnraumnot keine bessere Bleibe und keine Arbeit fanden, Menschen an denen der Wiederaufbau und das deutsche Wirtschaftswunder anscheinend spurlos vorüber ging. Heute, 2017, befindet sich auf dem Gelände die Sportanlage Corneluis-Gellert-Kampfbahn.

„Als meine Freundin Clara an jenem Samstagnachmittag ihre kleine Tochter Elisabeth anzog, um mit ihr - wie jeden Samstag - einen Spaziergang in den nahen Eichwald zu machen, ahnte sie noch nichts von ihrer Begegnung mit einer anderen Welt. Mit einer Welt, die man jetzt so kurz nach dem Krieg eigentlich schnell vergessen wollte. Mit einer Welt voll Armut, Dreck und Lumpen. Am Rande des Wäldchens, in respektvoller Entfernung zu den ersten Häusern von Bettenhausen, lag eine Barackensiedlung.

Zwangsarbeiterlager am Eichwald
Das ehemalige Zwangsarbeiterlager am Eichwald war nach dem Krieg Notquartier und wurde im Volksmund "Dschungel" genannt.

Jeder, auch Clara, machte um diese Barackensiedlung einen großen Bogen. Bei den ehrbaren Bürgern in Bettenhausen hieß diese Barackensiedlung verächtlich „Der Dschungel“. Sowie im Dschungel ging es hier bestimmt auch zu. Unordnung und Dreck, soweit das Auge reichte, und so unzivilisiert wie die Dschungelmenschen waren bestimmt auch die Bewohner der Barackensiedlung. Genaues wusste eigentlich niemand. Ein buntes Mischvolk von Zigeunern, Bettlern und anderen Tagedieben und Gaunern. Am Dschungel gingen der Wiederaufbau und das deutsche Wirtschaftswunder anscheinend spurlos vorüber.

So beschleunigten alle „guten Menschen“, die an der Siedlung vorbeikamen, ihre Schritte und klammerten ihre Taschen fester an sich. Auch Clara nahm ihre Tochter bei der Hand, wenn sie auf dem Weg zum nahen Eichwald am „Dschungel“ vorbeikam. Man konnte ja nie wissen. Und gerade hier musste es passieren! Elisabeth riss sich von Claras Hand los: „Mutti, schau mal, Maikäfer!“ Mit beiden Händchen haschte Elisab eth in der Luft und rannte hinter den Maikäfern her. Im gleichen Augenblick stolperte sie und fiel nach vorn, mit dem Gesicht auf einen Stein. Voller Angst beugte sich Clara über ihr Kind. Elisabeth blutete. In kleinen Bächen rann das Blut aus Mund und Nase. Und ganz blass war das Kind. Clara blickte ratlos umher. Weit und breit war kein Spaziergänger zu sehen. „Mein Gott, hilft mir denn keiner?“ Clara nahm Elisabeth auf den Arm. Mit dem blutenden Kind im Arm kam sie nur langsam vorwärts. Das Atmen fiel immer schwerer, die Schritte wurden kürzer und kürzer.

Plötzlich hörte Clara aus einiger Entfernung eine Stimme: „Hierher, junge Frau, kommen Sie hierher mit ihrem Kind!“ An einer Baracke hockte ein Mann mit einem Bein. Er saß auf einem Holzbrett, unter dem vier Räder angebracht waren. Mit diesem Gefährt bewegte er sich flink vorwärts und führte die Mutter mit ihrem Kind vor eine Barackentür. Behände erhob er sich, auf zwei Holzkrücken gestützt, von seiner Karre. Er öffnete die Tür weit und wies mit einer einladenden Handbewegung auf das Innere der Baracke. „So kommen Sie doch schon. Ihr Kind verblutet ja sonst noch!“

Ängstlich blickte Clara auf das Kind. Sie wagte nicht, die Baracke zu betreten. Der Einbeinige redete beruhigend auf Clara ein: „Haben Sie keine Angst, ich tu’ Ihnen bestimmt nichts. Sehen Sie, vor ein paar Jahren an der Front, da war ich Sanitäter. Ich will doch nur Ihrem Mädel helfen.“ Langsam kam Clara näher. Irgendwie kam ihr der Einbeinige bekannt vor. Ja, richtig. Oft schon hatte sie ihn gesehen, wenn er in der Innenstadt vor den großen Kaufhäusern auf seinem Holzbrett mit den Rädern darunter stundenlang stumm dasaß und bettelte. Er spielte dabei immer Ziehharmonika. Scheu lächelte er, wenn die vorbei vorbei eilenden Leute ihm etwas in die Blechdose warfen, die er neben sich aufgestellt hatte.

Der Einbeinige führte Clara über einen langen, dunklen Flur, rechts und links viele dunkelbraune Türen. Es roch nach Waschlauge und Weißkohl. Eigentlich kein unangenehmer Geruch, dachte Clara. Vor einer der vielen Türen in der Mitte des Flures stellte der Bettler eine Krücke an die Wand und öffnete eine Tür. Er ließ Clara in eine kleine Wohnküche eintreten. Die Frau des Bettlers kam ihnen entgegen. Behutsam nahm sie Clara das Kind aus den Armen. Sie legte Elisabeth auf ein Sofa.

Clara sah sich unauffällig um. „Komisch, alles blitzsauber und aufgeräumt“, dachte sie erstaunt. Die Frau in der Küche war armselig angezogen, aber Kleid und Schürze waren rein und ordentlich. Der ganze Raum strahlte eine gemütliche Behaglichkeit aus. Clara entspannte allmählich. „ Frau, mach schnell, gib mir bitte ein paar frische Handtücher und heißes Wasser!“ Der Mann musste wohl Claras ängstliches Gesicht bemerkt haben. „Keine Angst, gute Frau, hier, sehen Sie. Die Tücher sind wirklich sauber.“ Beschämt senkte Clara ihren Blick. Während der Bettler die Wunde in Elisabeths Gesicht vorsichtig auswusch, ging es der Kleinen schon wieder besser. Die blassen Wangen bekamen langsam eine rosige Farbe. Als das Blut abgewischt war, bemerkte der Bettler: „Na bitte, die Wunde ist doch nicht so tief, wie ich erst befürchtet habe.“

Inzwischen hatte die Frau einen Muckefuck gekocht und einen Topf mit Milch für das Kind gewärmt. Mit freundlichem Blick stellte sie ein paar Tassen auf den Küchentisch. Nachdem der Bettler Elisabeth geschickt und fachmännisch verbunden hatte, bat er Clara und das Kind, sich doch mit an den Tisch zu setzen. „So, jetzt lasst euch nach diesem Schreck erst mal den Kaffee und einen Becher Milch schmecken.“ Clara nickte nur und nahm langsam Platz am Tisch. Um ihre Mundwinkel zuckte ein schüchternes dankbares Lächeln. Nach einer Weile des Schweigens begann der Bettler unvermittelt: „Tja, liebe Frau, auch wir haben einmal bessere Zeiten gesehen. Und das hier“, erzeigte auf seinen Beinstumpf, „das hier ist ein Geschenk von unserem Führer. Ganz zum Schluss hat’s mich noch erwischt. Und nun“, der Bettler machte eine kurze Pause, „und nun - keine Arbeit - nichts. Wer will mich denn schon, mit einem Bein!“ Mit leiser Stimme sprach er weiter: „Früher, da war ich Zimmermann, dann kam der Krieg, die Flucht meiner Familie. Na ja. Hauptsache, das ist alles vorbei. Wir leben und sind zufrieden mit dem, was wir haben.“ Der Bettler lächelte seine Frau an.

Elisabeth hatte sich inzwischen erholt. „Am besten, sie gehen jetzt noch zu einem Arzt, vielleicht muss die kleine Wunde noch genäht werden“, sagte der Bettler. Er streichelte Elisabeth über die blonden Locken: „Das tut bestimmt nicht so dolle weh. Und in ein paar Wochen sieht man nichts mehr von der kleinen Narbe.“ Clara öffnete ihre Handtasche und zog verlegen ihre Geldbörse aus der Tasche. „Was bin ich Ihnen schuldig?“ „Ich glaube nicht, dass unser Herr Jesus für Nächstenliebe einen Preis festgesetzt hat“, antwortete der Bettler. Clara spürte, wie sie rot wurde. Wortlos ließ sie ihre Geldbörse wieder in die Tasche zurück gleiten.

Am Abend dachte sie noch lange über den Bettler und seine Frau nach. Nie wieder wollte sie sich von Vorurteilen leiten lassen. Das verächtliche Wort „Dschungel“ sollte ihr im Zusammenhang mit der Barackensiedlung nie wieder über die Lippen kommen. Von nun an wollte sie allen Bettlern, ganz besonders natürlich ihrem Bettler, immer ein größeres Geldstück in den Hut oder die Blechdose werfen.

Sportanlage Ohlebachweg
Auf dem Gelände der Sportanlage Corneluis-Gellert-Kampfbahn befand sich einst der "Dschungel" Foto: Erhard Schaeffer, 2012

Viele Jahre später traf ich meine Freundin Clara bei einem Einkaufsbummel in Kassel in der Fußgängerzone wieder. „Hallo, Inge! Meine Güte, was freu’ ich mich“, rief sie. „Komm, wir trinken einen Kaffee zusammen. Da vorn ist ein nettes Straßencafe.“ An der Ecke zwischen Kaufhof und Cafe saß ein Bettler auf der Straße. Um den Hals hatte er ein Pappschild hängen, auf dem in ungelenken Buchstaben geschrieben stand: „Bin blind“. Ich kramte ein 50-Pfennig-Stück aus meiner Tasche und warf es in den Hut, der vor dem Mann stand. Clara zögerte einen Augenblick. Dann öffnete sie ihre Geldbörse und suchte umständlich die 1- und 2-Pfennig-Münzen zusammen. Als wollte sie sich entschuldigen, murmelte sie. „Schrecklich, dass die Stadt hier nichts gegen die Bettler unternimmt. Auf Schritt und Tritt stolpert man über die. Wenn man nun jedem etwas geben wollte...?“

Ein paar Geschäfte weiter saß ein Mann auf einem Holzbrett mit vier Rädern darunter. Er hatte nur ein Bein. Auf seiner Ziehharmonika spielte er in Gedanken versunken Seemannslieder. Scheu blickte er nach oben, wenn es in seiner Blechdose klimperte. Ein dankbares Lächeln huschte dann über sein faltiges Gesicht. Als meine Freundin Clara und ich an ihm vorübergingen, spürte ich, dass er uns noch eine ganze Weile nachblickte. “

Text: Monika A. E. Klemmstein, 2006

Editor: Erhard Schaeffer, Februar 2017

 

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