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Flughafen Waldau das Himmelstor nach Europa

Junkers Luftverkehr Waldau, Streckennetz von Europa

Am 8. April 1926 wurde der Flugplatz in Waldau in das Liniennetz der Deutschen Lufthansa aufgenommen. Die erste Maschine, eine viersitzige Fokker D 784, kam kurz nach 10.30 Uhr aus Halle, flog dann weiter nach Dortmund. Bereits 1925 hatte Junkers Luftverkehr Waldau in das Streckennetz von Europa eingebunden. Damit war Cassel mit den europäischen Zentren von London bis Budapest und von Genf bis Stockholm verbunden. Die Linienflüge der Lufthansa nach Waldau waren übrigens nur eine Episode. Das Jahr 1910, in dem ein Flugtag auf dem Forstgelände belegt ist, gilt als Geburtsstunde der Fliegerei in Kassel.

ehemaliger Flugplatz-web.jpg
Stadtplanausschnitt vom Industriegebiet Waldau Quelle: google maps

Der Flugplatz Kassel-Waldau befand sich auf dem Gelände des heutigen Industrieparks Kassel-Waldau. 1970 musste das Flugplatzgelände dem heutigen Industriepark weichen ein neuer Flughafen in Kassel Calden übernahm die Aufgaben des internationalen Flugplatzes. Heute erinnert nur noch eine Halle in der Falderbaumstraße gegenüber Preis-Rebell an den Flugplatz. Außerdem gibt es noch die Bushaltestelle "Udet-Haus". Das Udet-Haus war das Flughafengebäude. Es wurde Anfang der 1990er-Jahre abgerissen. Zur Entwicklung der Fliegerei in Waldau hier einige chronologische Fakten:

  • Anfang des 20. Jahrhunderts entstand auf dem Forst, vor den Toren Waldaus, ein Flugfeld.
  • Im Jahr 1910 fand ein erster Flugtag auf dem Forstgelände statt.
  • Der traditionelle Deutschlandflug führte 1912 über Kassel-Waldau.
  • Beim "Prinz-Heinrich-Flug" (Zuverlässigkeitswettbewerb für deutsche Flugzeuge, der in den Jahren 1911 bis 1914 ausgetragen wurde) vom 10.-17. Mai 1913 führte eine Etappe von Wiesbaden nach Kassel und die nächste Etappe von dort nach Koblenz.
  • Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich ehemalige Kriegspiloten und andere Flugbegeisterte um die Unternehmerbrüder Anatole und Egon Gobiet geschart und die Fliegerei auf dem einstigen Truppenübungs- und Exerzierplatz in Waldau wieder aufgenommen.
  • Im Jahr 1923 hatte sich in Bettenhausen die Dietrich-Gobiet-Flugzeugwerk Aktiengesellschaft etabliert, die zur Triebfeder für die Errichtung des Flughafens wurde.
  • Im März 1924 kam es zur Fusion der beiden tragenden Luftsportvereine in der Stadt. Die Sektion Kassel des Kurhessischen Vereins für Luftfahrt ging im Mitteldeutschen Flugverband auf, und die Sportflieger setzten sich das Ziel, an der Errichtung eines großen Flughafens in der als Verkehrs-Knotenpunkt wichtigen Stadt Kassel mitzuwirken.
  • In der Mitte der 1920er Jahre erwarb der Flugplatz mit waghalsigen Flugvorführungen der Piloten Richard Dietrich, Antonius Raab und Kurt Katzenstein einen Namen.
  • Nachdem die Stadt Cassel das Waldauer Gelände von den Militärbehörden erworben hatte, wurde die Idee eines Verkehrsflughafens in die Tat umgesetzt. 1924 war die Eröffnung des Kasseler Verkehrsflughafens das lokale Großereignis in der Stadt.
  • Ende 1925 gründeten die Kunstflieger Antonius Raab und Kurt Katzenstein die "Raab-Katzenstein-Werke". Sie richteten eine Fliegerschule ein, betrieben eine Luftbildabteilung und organisierten Flugtage.

Lufthansa auf Waldauer Flughafen 1927
1926, die erste Maschine der Deutschen Lufthansa landet in Waldau

  • Am Donnerstag, 8. April, 1926 knallten auf dem Flugplatz in Waldau wieder die Sektkorken, Kassel war in das Liniennetz der Deutschen Lufthansa aufgenommen. Die erste Maschine, eine viersitzige Fokker D 784, kam kurz nach 10.30 Uhr aus Halle, flog dann weiter nach Dortmund. Als die Stadt im April 1930 nicht mehr bereit war, einen Zuschuss zum Betrieb zu zahlen, wurde der Linienverkehr eingestellt.
  • 1927 gab es auf dem Flugplatz Waldau eine Weltpremiere: Erstmals hob ein Segelflieger mithilfe eines Schleppflugzeugs ab. Für den Test engagierte Fieseler mit Gottlob Espenlaub einen weiteren Kasseler Piloten. Damals kamen 20.000 Besucher nach Waldau, um die tollkühnen Flieger um Gerhard Fieseler zu sehen.

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Kunstflugvorführung am Flughafen Waldau 1932

  • Am Mittwoch, den 19. März 1930 startete der Kasseler Kunstflugmeister Gerhard Fieseler mit seiner "Schwalbe", dem Doppeldecker D 1818, vom Flughafen Waldau zu einem ganz besonderen Flug. An Bord befand sich der bayerische Fallschirmpilot Resch, der den bisherigen Weltrekord im Fallschirmabsprung von Bord dieses Flugzeugs aus 5200 Metern brach.
  • Ganz Kassel war am Mittwoch, den 3. September 1930, schon in aller Frühe auf den Beinen. Am Vormittag sollte der "Graf Zeppelin" in Waldau landen. Von Friedrichshafen über Stuttgart und Frankfurt schwebte schließlich das Luftschiff gegen 8 Uhr über dem Kasseler Flugplatz ein. Nach nur einer Viertelstunde hob der Zeppelin wieder Richtung Hannover ab. Die meisten der Zuschauer harrten aus, genossen das Volksfest mit Flugvorführungen und Fallschirmsprüngen. Gegen 16.30 Uhr landete das Luftschiff wieder, um kurz vor 18 Uhr ging es zurück Richtung Bodensee.

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3. September 1930, "Graf Zeppelin" landet in Waldau

  • 1933 ging Raab, der sich weigerte für das Militär zu produzieren, ins Ausland und baute 1935 in Athen ein neues Werk.
  • Am 17. Juli 1938 fand ein Großflugtag auf dem Flugplatz statt.
  • Kunstflugweltmeister Gerhard Fieseler baute in der Zeit des Nationalsozialismus sein Werk zu einem bedeutenden Unternehmen aus. Er erhielt Aufträge vom Reichsluftfahrtministerium. Die Fieseler Werke begannen 1936 mit der Produktion der "Fi 156" (Storch) und in Lizenz der "Me 109" (Messerschmitt Jagdflugzeug). Das Fieseler Werk II entstand in Sichtweite des Flughafens auf Lohfeldener Gemarkung.

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Fieseler Werk II und dahinter die Landebahn des Flughafens Waldau

  • Kurz vor Kriegsausbruch am 30. Juli 1939 landete das Luftschiff „Graf Zeppelin LZ130“ auf dem Waldauer Flughafen. Dies war eine Attraktion für die Kasseler.
  • Im 2. Weltkrieg wurde eine Betonlandebahn, ca. 800 Meter lang, gebaut.
  • Am 29.3.1944 wurde Gerhard Fieseler als Betriebsleiter abgesetzt, da die geforderten Produktionszahlen nicht erreicht wurden.
  • Im April 1945 wurde der durch Bombenangriffe beschädigte Flugplatz von den Amerikanern eingenommen, die ihn als Airfield Kassel-Waldau Y-96 herrichteten. Die Spitze der alten Waldauer Kirche störte den Flugbetrieb.
  • Am 10. April 1945 wurde der obere Teil des Kirchturms der Waldauer Kirche durch ein durch Brandstiftung verursachtes Feuer vernichtet.

Militär Flughafen Waldau-web.jpg
Der Militärflugplatz der US-Air-Force ist Sperrgebiet

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Flugplatz als Militärflugplatz von der US-Air-Force genutzt und am 27.4.1955 wieder für die Sportfliegerei freigegeben. Danach diente der Flugplatz der Privatfliegerei.
  • Mit dem Neubau des Flughafens Kassel-Calden endet 1970 die Geschichte des Waldauer Flughafens. Anstelle des Flugplatzes entstand der Industriepark Waldau.

Flughafenkontrolgebäude 1965.jpg  Industriegebiet Waldau-web.jpg

Das Flughafenkontrollgebäude1965 und Zeichen des Wandels 1970 entsteht das Industriegebiet Waldau

In den späten 1970ern bis Mitte der 1980er Jahre diente der verschwundene Flugplatz einer Motor-Cross-Rennstrecke, auf der regelmäßig Rennen stattfanden. Die Landebahn wurde ab 1985 zurückgebaut.  Die Falderbaumstraße, Gobietstraße, Antonius-Raab-Straße im Industriegebiet erinnern an die frühere Nutzung des Geländes als Flugplatz.

 

Editor: Erhard Schaeffer, August 2017

Quellen:

  • http://www.abnachkassel.de
  • Thomas Siemon HNA, 2014
  • Wolfgang Strube Wirtschaftsförderung, Kassel Airport
  • Kasseler Post 1924
  • Kasseler Neuste Nachrichten, 1927
  • Archiv Rolf Nagel
  • Rolf Nagel, Thorsten Bauer; Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923; Melsungen, 2015
  • Thomas Siemon, 7 Sieben HNA, 2013
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Flugplatz_Kassel-Waldau
  • Bastian Ludwig HNA Lokalredaktion Kassel, 2016
  • http://www.kassel.de/stadt/stadtteile/waldau/geschichte/
  • Technischer Rückblick auf den Prinz-Heinrich-Flug 1913, BEJEUHR

 

 

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