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Mit der Pferdebahn nach Bettenhausen – Eine Zeitreise mit der Straßenbahn

Pferdebahn in der Leipziger Straße am Zollhaus ca.1895, Quelle: Stadtmuseum

Mit dem industriellen Aufschwung Ende des 19. Jahrhunderts wuchs auch der Anspruch nach Mobilität der Menschen in Deutschland. Für die Erleichterung des Verkehrs in den Städten wurden neben der Eisenbahn Straßenbahngesellschaften gegründet. Die eröffneten Straßenbahnen wurden anfangs alle mit Pferden betrieben. Bereits im Jahr 1884 bekam das Berliner Unternehmen Marks & Balke die Konzession zum Betrieb einer Straßenbahn mit Pferdebetrieb in Cassel erteilt. Dies war der Start für die erste Straßenbahnverbindung zwischen Kassel und der damals eigenständigen Gemeinde Bettenhausen.

Die Residenzstadt Cassel hatte allerdings schon im Jahr 1877 eine dem reinen Lokalverkehr dienende von Dampfkraft fortbewegte Trambahn gebaut. Damit konnte sie für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, als dritte Stadt der Welt, nach Paris und Kopenhagen über eine solche sogenannte Sekundärbahn zu verfügen. Die "Cassel Tramway Campeny Limited" verkehrte auf einer Strecke von 6 Kilometern zwischen Wilhelmshöhe und dem Königsplatz und wurde von der Firma Jay & Comp. Londen betrieben.
Die Dampfbahn war aber nicht lange das einzige Casseler Verkehrsunternehmen. Mit der am 13. April 1884 von Marks & Balke gegründeten “Aktiengesellschaft Casseler Stadteisenbahn“ kam die Pferdebahn dazu. Am 21. Mai 1884 wurde der Verkehr zwischen Cassel Hedwigstraße und dem Staatsbahnhof Bettenhausen in der Leipziger Straße aufgenommen. Daneben gab es die Strecken Hedwigstraße - Centralbahnhof (Hauptbahnhof) und Totenhof (Holl. Straße) - Königsplatz. Dem Unternehmen standen 17 geschlossene und vier offene Personenwagen sowie 80 Pferde zur Verfügung. Für eine Fahrt mit der Pferdebahn kostete ein Billet 20 bis 30 Pfennig. Die maximal erreichte Beförderungszahl in einem Jahr betrug stolze 1.404.977 Personen.

Pferdebahn Bahnhofstr. um 1898
Die Pferdebahn in der Bahnhofstraße auf der Strecke Hedwigstraße/ Centralbahnhof ca. 1898

Die "Casseler-Straßenbahn-Gesellschaft" übernahm die "Cassel Tramway Campeny Limited" und ihr Firmensitz wurde 1895 nach Cassel verlegt. Mit der Gründung der "Großen Casseler Straßenbahnaktiengesellschaft" am 24. September 1897 und der Übernahme der liquidierten "Aktiengesellschaft Casseler Stadteisenbahn" bestand nun nur noch eine Straßenbahn.

 Letzte Pferdebahn in Bettenhausen 1899
Nach der letzten Fahrt der Pferdebahn am 1. März 1899 entstand das Blitzlichtfoto am Betriebshof Bettenhausen.
Fotos:Bettenhausenarchiv, Agathof.

Die "Große Casseler Straßenbahnaktiengesellschaft" leitete 1900 die Umstellung vom Dampf- und Pferdebahnbetrieb auf elektrischen Betrieb ein. Die Lieferung der Anlagen, Betriebsmittel und die Einrichtung der Betriebsbahnhöfe in Wilhelmshöhe und Bettenhausen wurden der Firma Siemens & Halske, Berlin übertragen.

Straßenbahn Leipziger Str. 1900
Eingleisige Strecke in der Leipziger Straße um 1900

Der Betriebsbahnhof Bettenhausen konnte 1898 an der Leipziger Straße 124 neben dem Restaurant zum Schwarzen Adler fertiggestellt werden. Die eingleisige Strecke nach Bettenhausen wurde vom Bahnhof zum Schwarzer Adler erweitert, Endhaltestelle Kirchgasse. Am 31. März 1898 genehmigt die Regierung zu Cassel den elektrischen Betrieb. Danach entwickelte sich die "Elektrische", wie sie im Volksmund genannt wurde, zügig: 1900 Verlängerung der Linie bis zum Pfaffenstieg.

Strassenbahn Endhaltestelle Kirchgasse, 1900
Haltestelle Kirchgasse in der Leipziger Straße,  rechts der  "Schwarze Adler" um 1900

Die Bettenhäuser Linie 3 wird nach der Eingemeindung des Dorfes Bettenhausen und mit Planung für die Große Landwirtschaftliche Wanderausstellung 1911 auf dem Forst bereits 1910 zweigleisig ausgebaut. Nach kriegsbedingter Pause wird der Ausbau des Schienennetzes fortgesetzt und so kann am 23. November 1920 der Betrieb auf der Strecke mit der ersten Schleife an der Ochshäuser Straße aufgenommen werden. Die ursprünglich vorgesehene Weiterführung bis zum Faustmühlenweg fällt der beginnenden Inflation zum Opfer. Nach Rückgang der Fahrgastzahlen bleibt es bis zum Zweiten Weltkrieg bei diesem Ausbauzustand. 1926 bekommt Cassel ein K und die Straßenbahn hießt "Grosse Kasseler Straßenbahn AG".

Wendeschleife Leipziger Platz 1920

Ab 1920 gibt es die Wendeschleife an der Ochshäuser Straße. Der Platz hatte vor dem Zweiten Weltkrieg im Volksmund den Namen "Die Endstation" .

Von Bettenhausen fahren die Linien 3, die über Hauptbahnhof und Germaniastraße bis Wilhelmshöhe und nach 1928 die Linie 13, die über das Theater und den Kirchweg nach Wilhelmshöhe fährt. Ab 1939 wird ersatzweise die Linie 10 zum Theater eingesetzt. Nach der Neuorganisation 1939 heißt die Bahn "Kasseler Verkehrsgesellschaft AG", Die Bettenhäuser sind gut an die Stadt mit ihren Geschäften, Gewerbebetrieben, kulturellen Einrichtungen wie Kino und Theater und das beliebte Ausflugsziel die Wilhelmshöhe angebunden. Der Ausflugsverkehr zum Westen der Stadt hatte von Anfang an eine besondere Bedeutung für die Straßenbahn. Die Fahrpreise bis zum Zweiten Weltkrieg liegen je nach Teilstrecken immer noch bei 20 bis 30 Pfennig für den Fahrschein.

Betriebsbahnhof Bettenhausen 1957
Betriebsbahnhof Bettenhausen 1957 mit dem neuen Gelenktriebwagen 272 und dem alten Triebwagen 153 im Hintergrund

Der Zweite Weltkrieg bringt für den Straßenbahnbetrieb erhebliche Einschränkungen sowie Umstellungen der Linienpläne. Darüber hinaus werden bis zum Kriegsende ein Großteil der Gleisanlagen, Oberleitungen und der Triebwagen b.z.w. Beiwagen beschädigt oder total zerstört. Schwer beschädigt wird in Folge der Angriffe ab 1942 der Betriebshof Bettenhausen. Seine Funktion muss er aber nach provisorischer Instandsetzung bis weit nach Kriegsende erfüllen. Als 1945 beim Einmarsch der Amerikaner von der Wehrmacht die Fuldabrücke gesprengt wird, bleiben durch reinen Zufall in Bettenhausen sechs Triebwagen und sieben Beiwagen stationiert. Zum Glück, denn das Schienennetz ist nur noch im Pendelverkehr von Leipziger Platz bis Holzmarkt als Inselbetrieb befahrbar. Die Fahrgäste müssen bis zum Brückenneubau 1948 mit der Fähre zum Altmarkt übersezten um dort weiterfahren zu können.

Die erste Neubaustrecke nach dem Krieg wird in 1949 von der Ochshäuser Straße in Richtung Lindenberg gebaut. Am 04. Juli 1949 rollt der erste Wagen bis zur Endstelle Forstfeldstraße. Das Reststück sollte im zweiten Bauabschnitt innerhalb von 2 Jahren fertig sein. Es dauert aber noch bis 1956 bis die erste Bahn am 15. November an der Schleife Lindenberg hält. Nach Bettenhausen fahren jetzt die Linien 2 und 8 von der Hessenschanze bzw. Kurhausstraße ab. Mit Ausbau des Netzes nach Baunatal kommt später noch die Linie 5 bis zum Leipziger Platz dazu.

Das Konzept der "Kasseler-Verkehrs-Gesellschaft", kurz KVG, lautet ab 1970 alle Betriebshöfe für Bus und Bahn jeweils auf einen Standort zusammenzufassen. Für die Straßenbahn wird dies Wilhelmshöhe und für die Busse die Sandershäuser Straße in Bettenhausen. Der alte Betriebsbahnhof Bettenhausen wird 1971 stillgelegt und später abgerissen. Das Busliniennetz zur Anbindung der Stadtteile ohne Straßenbahnversorgung und des Umlandes wird erheblich erweitert. Die Entwicklung bei der Straßenbahn bleibt auch nicht stehen. Die alten Triebwagen noch aus der Vorkriegszeit werden ab Mitte der 50er Jahre durch 6-achsige Gelenktriebwagen für den Zweirichtungsverkehr ersetzt. Automaten in den Bahnen und an den Haltestellen ersetzen den Schaffner. Für eine Fahrkarte mit Umsteigerecht bezahlt man 1976 bereits 90 Pfennig.

Ab 1991 gibt es einen genauen Plan zum Ausbau der Straßenbahnlinie bis ins Lossetal nach Oberkaufungen und später bis nach Hessisch Lichtenau. Es dauert aber noch bis zum 28.01.2006 bis zur Eröffnungsfeierlichkeit der Lossebahn, Helsa – Hessisch Lichtenau. Inzwischen verkehrt auch die Regio Tram auf dem Schienennetz des NVV sowohl innerhalb der Stadt Kassel als auch auf den Schienen der Eisenbahn bis in die Zentren des nordhessischen Umlandes. Der Betriebshof in der Sandershäuser Straße beherbergt jetzt die Stellplätze für Bus, Regio Tram und Bahn, die notwendigen Werkstätten und das Straßenbahnmuseum.
Die Bahnen der neuesten KVG-Generation sind Gelenktriebwagen in Niederflurausführung und besteht aus 3 über Faltenbälge verbundenen Wagenteilen mit 2 Triebdrehgestellen und 2 Laufdrehgestellen. Der Fahrpreis für eine Streifenkarte in der Kasseler Zone liegt 2011 bei 2,10 Euro.
Damit soll die Zeitreise mit der Straßenbahn durch mehr als 130 Jahre hier ihr vorläufiges Ende finden.

 

Editor: Erhard Schaeffer, 2011

 

Quellen:

  • Schriftenreihe Kasseler Schienennahverkehr Band 1-5, Wolfgang Kimpel 1989-93
  • 1877-1977 Ein Jahrhundert Nahverkehr in Kassel, Herausgeber Kasseler- Verkehrs-Gesellschaft, G.A. Stör 1977
  • Fotos Bettenhausenarchiv, Agathof.

 

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