Textbeitrag von Erhard Schaeffer
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Mein Schulweg

Willi Bäcker 2014

Willi Bäcker wurde am 30. Dezember 1929 im Haus seiner Großeltern in der Eisenhammerstraße auf dem Lindenberg geboren. Später zog er erst in die Stiftstraße 39, heute Dormannweg und dann in den Steinbruchweg 13. Er erlebte seine ganze Kindheit und Schulzeit in Bettenhausen. In einer heiteren autobiografischen Erzählung „Mein Schulweg“ berichtet er in einzelnen Episoden über diese frühen Jahre.

Als vierjähriger Junge spielte ich mit einem Nachbarmädchen an der nahen Losse. Irgendwie kam es uns in den Kopf uns nackt auszuziehen. So sichtete uns irgend ein Elternteil, wie wir Hand in Hand nackt durch die Losse wateten. Diese Situation fand allerdings nicht ihr Verständnis. Viel später, bei meiner Goldenen Konfirmation, gab ich diesen kleinen Spaziergang zum Besten und löste damit allgemeine Heiterkeit aus.

Ich war fünf Jahre alt, als ich im Juni 1935 vom Spielen zurück in die Wohnung kam und meine Mutter weinend vorfand. Sie erklärte mir, dass mein Vater, der in dieser Zeit ein kommunistischer Funktionär war, heute von der GESTAPO (Geheime Staatspolizei) an der Arbeit verhaftet worden sei.

Losse mit Wehr am Dorfplatz
Das Lossewehr am Dorfplatz 1927, ein beliebter Spielplatz für Kinder

Nachdem wir nach der Verhaftung meines Vaters sofort die Wohnung gekündigt bekamen, zogen wir in den Steinbruchweg 13 am Lindenberg. Im April 1936 wurde ich in die Bürgerschule 25 (Jungenschule) in der Osterholzstraße eingeschult. Nun hatte ich einen sehr weiten Schulweg, 45 Minuten musste ich gehen. Wie allerdings ein so langer Fußweg bei Kindern, die den Kopf voller Streiche haben, verlief, kann man sich ja vorstellen. Meistens ging ich mit meinem Freund Karl Barthel diesen Heimweg. An der Mühle Möller auf dem Gelände der ehemaligen Drahtmühle in der Lossesiedlung verabschiedeten wir uns. Als Karl um die Ecke verschwunden war, hängte ich mich an einen Ast eines Baumes, der schräg über die Losse reichte, um zu schaukeln. Plötzlich ein Krachen, der Ast war gebrochen und ich lag samt Ranzen im Wasser. Ich wurde durch die Strömung abgetrieben und konnte mich nur mit Glück etwa einen Meter bevor der Mühlgraben in eine 200 Meter lange Röhre mündete an einem Grasbüschel halten und raus ziehen. An diesem schönen Sommertag sind meine Sachen schnell getrocknet. Meine Mutter an der Arbeit und mein Opa zu Hause erfuhren davon nichts.

Leipziger Straße 285, Mühle Möller. Drahtmühle
Mühle Möller an der Leipziger Straße

An einem anderen Tag auf dem Heimweg von der Schule rief in Höhe des Herwigsmühlenweges von der anderen Straßenseite ein fremdes Mädchen mir böse Worte zu. Darauf hob ich einen Stein auf und warf nach ihr. Der Stein verfehlte sein Ziel und landete in einem großen Bürofenster. Alle anderen aus der Schule kommenden Kinder liefen neugierig dort hin, ich aber gab Fersengeld. Erst in Höhe des Tannenwäldchens bemerkte ich einen mir fremden Mann auf einem Fahrrad hinter mir. Husch....verschwand ich in der Tannenschonung. Der Fremde schob nun sein Rad den Unteren Käseweg hinauf und bog links in den Steinbruchweg ab. Als ich oben an der Ecke ankam, sah ich das Rad vor unserer Haustür stehen. Erst nach dem er fortgefahren war, kam ich ganz unschuldig tuend in unsere Wohnung, wo Opa mich schon erwartete. „Hast du eine Fensterscheibe kaputt geworfen?“ Ich log meinen guten Opa an und antwortete mit dem unschuldigen Blick eines Kindes „Nein“. Damit gab der Opa sich zufrieden.

Messinghof; Quergiebel 1697
Eine Giebelwand des Messinghofes der 1679 erbaut wurde. Hier entstand 1717 die Figur des Kasseler Herkules.

Mein Schulweg führte auch direkt am Messinghof, in dem einst die Herkulesfigur geschmiedet wurde, vorbei. Es ergab sich auch manchmal, dass man sich mit Arbeitern unterhalten konnte, wodurch ich viel Interessantes über die früheren Arbeitsmethoden erfuhr.

Wenn Muttertag bevorstand, kletterten wir Kinder in „Sehrts“ Fliederhecken, die am Schulweg lagen, um für Mutter einen schönen Fliederstrauß zu klauen. Welches Kind hatte früher schon eigenes Geld? Vielleicht war das bei reichen Leuten der Fall, aber nicht bei einem Arbeiterkind. Also musste was organisiert werden. Es dauerte nicht lange, dann ertönte Gärtner Sehrts mächtiges Gebrüll aus irgendeiner Hecke. Wir liefen, was die Beine hergaben.

Wendeschleife Leipziger Platz 1920
Leipziger Platz mit Blick in die Leipziger Straße, 1930er Jahre

Wenn wir aus der Schule kamen, sahen wir manchmal in Höhe des Leipziger Platzes, wo heute VW-Glinicke sich befindet, einen riesigen Kerl. Der war breit wie ein Schrank, hatte Hände wie Klosettdeckel und ein knallrotes Gesicht, in dem mittig ein mordsmäßiger Giebel von Riechorgan ragte. Wenn das der Fall war, so suchten wir Lausejungen uns schnell ein sicheres Versteck, legten beide Hände zu einem Trichter geformt an den Mund und brüllten so laut wir konnten: „Nase.“ Danach machten wir uns aber schnell aus dem Staub. Augenblicklich ließ „Nase“ sein Fahrrad mit den Zeitungen auf dem Gepäckträger auf die Straße fallen und rannte in Richtung dieser Provokation. Für uns war es sozusagen ein Spiel mit dem Feuer. Wehe er hätte einen von uns erwischt, ich glaube er hätte einen Arzt gebraucht. Aber wir hatten einen riesigen Spaß.

Selbst heute als 85 jähriger „Lausejunge“ habe ich immer noch meine Freude daran. Damals waren wir vier Jungens Freunde. Einer davon hieß Rolf Gunold. 2014 war er zu Besuch und hat eine Woche bei uns gewohnt. Wir haben viel über unserer Streiche geredet und gelacht, denn er war damals immer voller neuer Ideen. Leider wohnt er weit weg im fernen schönen Kanada, wo auch ich ihn schon zweimal besucht habe.

Text: Willi Bäcker, 2014

 

Editor: Erhard Schaeffer, Dezember 2014

 

 

 

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