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Anatole Gobiet und die Kasseler Flugzeugindustrie

Anatole Gobiet; vgl.: Rolf Nagel, a. a. O.

hne Anatole Gobiet gäbe es in Kassel keine Flugzeugindustrie" sagte dem Verfasser Rolf Nagel nach Erscheinen seines Werks über die Entwicklung der Flugzeugindustrie in Kassel im Jahr 2015. Diese Industrie entstand schwerpunktmäßig im Kasseler Osten.

  Alles begann mit der Besetzung des Ruhrgebietes 1923 durch die Franzosen. Der Unternehmer Richard Dieterich betrieb in Mannheim ein kleines Unternehmen, welches Flugzeuge baute. Er hatte die nicht ganz unbegründete Angst, dass das auch mit Mannheim geschehen könnte und sein Werk von den Franzosen besetzt würde. Er ließ seine Verbindungen zu Kasseler Politikern und Unternehmern wieder aufleben, die Stadt Kassel war an einer solchen Industrieansiedlung sehr interessiert, sie stellte Dietrich in Bettenhausen für den Übergang Räumlichkeiten in einer Bettenhäuser Färberei zur Verfügung, zum anderen erhielt er zwischen Waldau und Bergshausen 50.000 qm ehemaliges Militärgelände als Flugfeld zur Verfügung gestellt.

Dieterich APE Gobiet

Richard Dietrich

V.l.n.r.: Anatole Gobiet, Sohn Paul, Egon Gobiet

Dietrich zog also 1923 mit seinem gesamten Betrieb und einigen Mitarbeitern nach Kassel, er wohnte in der Parkstraße 8, am 9. Mai startete er in Waldau zu seinem ersten Flug über die Stadt Kassel. Um den Betrieb weiterführen zu können, suchte er einen Geldgeber, den er in Anatole Gobiet fand.

Zusammen mit seinem Bruder Egon betrieb dieser in der „Verlängerten Körnerstraße“, später Lilienthalstr. 1, in Bettenhausen eine Elektromotoren-Fabrik und in Rotenburg/Fulda eine Transformatorenfabrik. Der flugbegeisterte Anatole stieg bei Dieterich ein, sie gründeten die „Dieterich-Gobiet-Luftverkehr GmbH“ in Kassel. Wie aus dem Namen hervorgeht, sollten also nicht nur Flugzeuge gebaut, sondern auch Luftverkehr betrieben werden. Die Gebäude in Bettenhausen erwiesen sich als zu klein, sodass auch in der alten „Train-Kaserne“ in der Wolfsanger Str. 21 A gebaut und verwaltet wurde. Um sich zu entlasten, stellte Dietrich den Diplomingenieur Kurt Katzenstein als neuen Werkspiloten ein.

sperber

Sperber (Dietrich-Gobiet Flugzeugwerk AG)

1924 stellten die Kasseler ihre Maschine in Königsberg auf einer Messe vor, der mit Dietrich bekannte Flieger Antonius Raab durfte einen Probeflug unternehmen und war von den Flugeigenschaften des Flugzeugs so begeistert, dass er später das Angebot, in der Kasseler Fabrik als Chefpilot zu arbeiten, annahm; er bekam außerdem fünf Prozent der Aktien des Unternehmens. Der Kasseler Magistrat baute für das Unternehmen auf dem Waldauer Flugfeld eine Wellblechhalle für Montage und Wetterschutz.

Die Verkaufszahlen stiegen, man brauchte mehr Raum und auch mehr Nähe zum Flugfeld, so stellte Gobiet sein Elektromotorenwerk in der "Verlängerten Körnerstraße 1" (später: Lilienthalstr. 1) zur Verfügung. Durch Raabs Geschick, Flugzeuge zu verkaufen, vergrößerten sich Werk und Belegschaft 1924 auf über 100 Mitarbeiter, später auf über 200, die z. T. früher bei Henschel Lokomotiven gebaut hatten. Die Firma führte in Deutschland Werbeflüge und Flugveranstaltungen durch, vor allem auch auf dem Waldauer Flugplatz. Werbewirksam startete Raab von der späteren Lilienthalstr. aus nach Waldau, landete auch in Berlin „Unter den Linden“ und Katzenstein unterflog die Kasseler Fuldabrücke mit seinem Flugzeug, welches  2,50 m hoch war, der Durchlass war 4,50 m hoch. Es wurden fast 5000 Passagiere befördert, fast 7000 Flüge ausgeführt mit einer Flugleistung von ca. 150.000 km.  

1925 kam es dann zu Unstimmigkeiten zwischen Dietrich und Gobiet, sodass Gobiet den größten Teil seiner Aktien verkaufte und sich später ganz aus der Firma zurückzog.

Anatole Gobiet wurde 1875 in Schlesien geboren, seine Vorfahren waren Stahlbauunternehmer in Belgien. Anatoles und Egons Vater siedelte sich in Schlesien an und betrieb auch hier Stahlbau, die Familie zog später nach Berlin. Anatole machte hier eine Lehre als Mechaniker, er studierte an der TH und ging zu Siemens & Halske, um dort eine Ausbildung für den höheren Dienst zu absolvieren. Als Siemens-Ingenieur wurde er nach Frankfurt versetzt und von hier nach Kassel, wo er die Siemens-Geschäftsstelle bis 1904 leitete. Sein Bruder Egon zog auch nach Kassel und im Jahr 1910 gründete Anatole in der Wilhelmshöher Str. 25 eine elektrotechnische Fabrik. 1912 errichtete er zusammen mit seinem Bruder in Rotenburg/Fulda eine Fabrik für Großtransformatoren.

1921 erstanden beide in der späteren Lilientalstraße eine Halle der ehemaligen Munitionsfabrik, jetzt lautete der Firmenname „A. Gobiet & Co“. Beide Brüder waren flugbegeistert, die Fabriken warfen gute Gewinne ab und so entschloss man sich, die Flugindustrie zu unterstützen.

1927 deutete sich die weltweite Deflation an, in Kassel wurde die Elektromotorenfabrik an der Lilienthalstr. geschlossen – 200 Mitarbeiter wurden arbeitslos. In Rotenburg wurden jetzt neben Transformatoren auch Stahlmöbel und landwirtschaftliche Geräte produziert. A. Gobiet war ein sehr kreativer Mensch, er erhielt im In-und Ausland mehrere Patente. Wegen Transportproblemen in Rotenburg verkaufte Anatole diese Sparte, wieder verloren 200 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. 1931 erreichte die weltwirtschaftliche Krise auch Rotenburg, die Produktion ging zurück. Gobiet hatte sich bei der nationalsozialistischen Partei engagiert, er hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu Göring, was ihm letztendlich aber keine Produktionsaufträge brachte, was Gobiet erhofft hatte. Dennoch verlängerten diese Verbindungen das endgültige Aus seines Betriebs bis 1935. Sein späteres soziales Verhalten in dieser Zeit, er galt auch als Querulant, führte dann dazu, dass ihm die 1919 erworbene deutsche Staatsbürgerschaft wieder aberkannt wurde und er mit einem Fremdenpass versehen in die Tschechoslowakei abgeschoben wurde, wo er für die Organisation Todt arbeitete und auch wieder Patente einreichte und erhielt.

Gobiet b Rand1946 kehrt die Familie nach Kassel zurück und wurde vom Bruder versorgt. 1951 wurde der Wiedergutmachungsantrag von Anatole abgelehnt. Seine weiteren geschäftlichen Aktivitäten blieben erfolglos; dennoch verlor er nie die Freude am Fliegen. Als 1955 auf dem Waldauer Flughafen wieder geflogen werden durfte, ließ er sich noch einmal über Kassel fliegen. Anatole Gobiet starb 1958, sein Bruder Egon 1959 an den Folgen eines Verkehrsunfalles.

Foto: Taufe einer neuen Piper-Maschine am 23.9.56 mit Anatole Gobiet. Quelle: Nagel, a.a.O.

Die Straße im Waldauer Industriegebiet wurde 1978 nach ihm benannt.

 

Autor und Redaktion: Falk Urlen, November 2015

Quelle:

Rolf Nagel, Thorsten Bauer: Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923; Melsungen 2015, ISBN-Nr: 978-3-87064-147-4

Fotos: Rolf Nagel, a. a. O.

[Der Verfasser hat die Geschichte der Familie Gobiet nach dem o. a. Buch stark zusammengefasst. Wer in die Tiefe gehend informiert werden will, sollte sich mit diesem Buch befassen. Der Verfasser  dieses Beitrags beschrieb das Buch für eine Veröffentlichung folgendermaßen:

"Ohne Gobiet gäbe es in Kassel keine Flugzeugindustrie

Dieses Buch hätte ich gerne gehabt, als ich meine „Fortfelder Geschichte[n]“ schrieb. Um die Jahrhundertwende war das Internet aber noch kaum entwickelt, im Wesentlichen konnte ich mich daher auf einige kleine Broschüren zur Geschichte Bettenhausens und die Erinnerungen der ehemaligen Belegschaft der Gerhard Fieseler Werke in der „Fieseler-Siedlung“ stützen.  

Rolf Nagel ist es in einer unglaublich intensiven Recherche gelungen, aus dem „Flickerlteppich“ ein wissenschaftliches Werk zur Kasseler Flugzeugindustrie zu gestalten, die sich zu großen Teilen im Kasseler Osten befand. Er belässt es nicht dabei, die Lebensgeschichten der Gründer zu schildern, sondern er zeigt die Konstruktionsgeschichte und die Konstruktionsprobleme der einzelnen Flugzeugtypen, deren Flugerprobungen und deren Qualitäten auf.

So beschreibt er, wie Kassel zu einem Zentrum der deutschen Flugzeugindustrie durch Richard Dietrich und Anatole Gobiet wurde. Während  Dieterich mit seinem Betrieb aus Angst vor Enteignung durch Frankreich von Mannheim nach Kassel wechselte, dadurch den Startschuss für den Waldauer Flughafen abgab, war Gobiet ein wohlhabender Kasseler Industrieller, der in Bettenhausen und Rotenburg/Fulda Industriebetriebe hatte. Letzterer gründete mit Dieterich Gesellschaften, die Flugzeuge bauen und diese auch betreiben wollten. Die ersten Flugzeuge wurden in der Wolfsanger Str., dann in der späteren Lilienthalstraße 1 gebaut. Ohne Gobiet – so Nagel - hätte es in Kassel keinen industriellen Flugzeugbau gegeben.

Ausführlich schildert Nagel auf über 300 Seiten die Entwicklung und die Produkte der Firmen „Dietrich-Gobiet Flugzeugwerk AG“, „Raab-Katzenstein GmbH“, der „Espenlaub Flugzeugbau Cassel“  der „Kegel Flugzeugbau Kassel“ und sehr ausführlich die „Gerhard Fieseler Werke GmbH“. Sein Buch über das „Junkers Motorenbau Werk Kassel“ in der Lilienthalstraße arbeitete er in dieses Werk ein.

Auf ca. 50 Seiten beschreibt Thorsten Bauer die „Airbus Helicopters Deutschland GmbH“, die "ZF Luftfahrttechnik GmbH" und die "Piper Generalvertretung Deutschland AG".

Abgeschlossen wird das Werk mit den Biografien der am Flugzeugbau beteiligten Industriellen.

Während die Geschichte Kassels westlich der Fulda intensiv untersucht und wissenschaftlich aufbereitet ist, fehlte eine solche Arbeit für den Kasseler Osten. In allen Stadtteilen gab es Broschüren oder Veröffentlichungen in Stadtteilzeitungen, aber ein geschlossenes Ganzes zur Geschichte des Flugzeugbaus und der der Kasseler Flughäfen fehlte.  Rolf Nagel ist es gelungen, die Geschichte der Flugindustrie des  Kasseler Ostens (aber nicht nur die) zusammen zu tragen, wissenschaftlich auszuwerten und zu veröffentlichen."]

 

 

 

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