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Petter - wo ist der Jashebel?

Geschichtswerkstatt Forstfeld

Heinrich Peter, mit dem dieses in der Anlage vorhandene Interview am 04.12.2006 in Wattenbach geführt wurde, wurde von Gerhard Fieseler bei einem neuen Flugzeug, welches dieser fliegen wollte, nur danach gefragt, wo der Gashebel (Jashebel) ist, alles andere brauchte er nicht zu wissen - er konnte einfach fliegen.

Heinrich Peter erzählt von seiner Lehre und seinen Tätigkeiten bei den Fieseler-Werken, von seinen Begegnungen mit Gerhard Fieseler und den politischen Auffassungen seines Chefs. Er erzählt von seinen Erfahrungen mit den Zwangsarbeitern vor und nach dem Kriegsende.

Seine Erlebnisse bei der Entwicklung und beim Bau der V1 (Vergeltungswaffe 1) werden in einem anderen Beitrag berichtet.

Lehrlinge Ende 1936.jpg

Lehrlingsjahrgang 1936 bei den Gerhard-Fieseler-Werken

 

H. Peter, im Storch und heute

Heinrich Peter: Links im "Superstorch" vor dem Erstflug und rechts beim Erzählen

 

Das Gespräch mit Heinrich Peter führten Karl Wills und Falk Urlen

 

HINTERGRUND:

Die Gerhard-Fieseler-Flugzeugwerke-GmbH

Gerhard Fieseler und Emblem

Der im Jahre 1896 in Glesch im Kreis Bergheim a. Rh. geborene Sohn eines Bonner Buchdruckereibesitzers, Gerhard Fieseler, nahm im Ersten Weltkrieg an der mazedonischen Front als Jagdflieger teil und schoss unter dem Namen "Tiger" 22 Gegner ab. Nachdem ihn seine Nachkriegstätigkeit als Druckereibesitzer in Eschweiler nicht befriedigte, ging er 1926 als Teilhaber und Fluglehrer zu den Raab-Katzenstein-Flugzeugwerken in Kassel-Bettenhausen. Mit einer 120 PS "Schwalbe" entwickelte er hier den Kunstflug zur meisterlichen Reife. 1927 führte er beim internationalen Schaufliegen in Zürich elf Minuten lang kühne Figuren in Rückenlage vor und arbeitete sich damit in die Weltklasse der Kunstflieger vor. Bereits 1928 ließ er sich nach eigenen Plänen ein spezielles Kunstflug-Flugzeug, die 240 PS starke F-1 "Tigerschwalbe", bauen. Das durch den Kunstflug verdiente Geld legte Fieseler für die Gründung eines eigenen Werkes zurück.

Am 1. April 1930 erwarb er den bisher von Fritz Ackermann betriebenen "Segelflugzeugbau Kassel", aus dem verschiedene erfolgreiche Segelflugzeuge der "Kassel"-Reihe hervorgegangen waren. Unter Fieselers Leitung wurden besondere Bauaufträge ausgeführt, so das "Musterle" von Wolf Hirth und von Kronfeld die "Wien" und das bisher größte Segelflugzeug der Welt, die "Austria". Trotzdem wäre das Werk in der Zeit der Wirtschaftskrise nicht lebensfähig geblieben, hätte nicht Fieseler den Kunstflug ganz in die Sache seines Werkes gestellt. Damals hieß es: "Fieseler hat sich ein ganzes Werk erflogen." 1932 entstand bereits im eigenen Werk als eine Konstruktion von Schüttkowsky seine berühmteste Kunstflugmaschine, der F-2 "Tiger" mit 340 PS-Pollux-Motor, mit dem er 1934 die Weltmeisterschaft gewann und 80000 Goldmark.

Das mit diesem Titel verbundene Preisgeld versetzte Fieseler in die Lage, das Produktionsprogramm seines Werks zu erweitern. Fieseler selbst zog sich vom Kunstflug zurück und widmete sich ganz dem Bau von preiswerten Sportflugzeugen. Nach einigen Fehlschlägen wurde erst die nächste Konstruktion, die mit einem 65-PS-Hirth-Motor ausgerüstete F-5, ein voller Erfolg, denn es liefen so viele Bestellungen ein, dass der Serienbau aufgenommen werden konnte. Fieseler vergrößerte seine Belegschaft innerhalb weniger Tage auf 200 Mann und konnte bis zum Deutschlandflug 1933 im August des Jahres innerhalb von sieben Wochen noch acht F-5 an den Start bringen.

Mit der Fi 97 begann das neue, vom Reichsluftfahrtministerium kontrollierte Entwicklungsprogramm, aus dem die erfolgreichste und bekannteste Fieseler-Schöpfung hervorging, der Fi 156 "Storch". Der „Storch“, ein propellergetriebenes Flugzeug, flog erstmals 1936. Er wurde eingesetzt als Verbindungs–, Beobachtungs– und Sanitätsflugzeug. Seine Vorteile waren die ausgezeichnete Rundumsicht durch die großzügig verglaste Kabine und vor allem die guten Langsam– und STOL (Short Take Off and Landing-Eigenschaften), die Mindestfluggeschwindigkeit lag unter 50 km/h; zum Starten reichten bei Gegenwind 50 m, zum Landen 20 m). Bei entsprechendem Gegenwind konnte die Maschine in der Luft stehen, sie eignete sich sogar zum Verlegen von Fernmeldekabeln. Gebaut wurden bis Kriegsende ca. 2500, viele davon in Frankreich und später auch in der Tschechoslowakei. Eine Weiterentwicklung war die FI 256, der „Superstorch“, von dem nur 10 Stück gebaut wurden.

Nachdem Deutschland auch einen Flugzeugträger entwickelte, bewarben sich die Fieseler-Werke auch um den Auftrag dieses Träger-Mehrzweck-Flugzeuges, ein zweisitziger Doppeldecker, dessen Flügel eingeklappt werden konnten. Dieses Flugzeug sollte Torpedos und Wasserbomben abwerfen. Nachdem die Produktion des Flugzeugträgers "Graf Zeppelin" eingestellt wurde, benötigte man diese Maschine auch nicht mehr. Es waren drei Prototypen und 12 Vorserienmaschinen gebaut worden.

Das Jagdflugzeug „Messerschmitt Bf 109“ wurde bei den Fieseler-Werken in Lizenz gebaut, die bei der "Legion-Condor" eingesetzten und beschädigten Maschinen wurden hier auch repariert. Auch die „Focke-Wulff FW 190“ wurde hier in Lizenz gebaut.

Ebenfalls bei Fieseler, dessen Werk am 1. April 1939 in Gerhard Fieseler Werke GmbH umbenannt worden war, entstand die Fi 103, der Prototyp der später unter dem Namen "V1" bekannt gewordenen fliegenden Bombe. Der pilotenlose Flugkörper wurde durch den Flugzeugkonstrukteur Robert Lusser 1942 in den Fieseler-Werken in Kassel entwickelt. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der an der Entwicklung mitgewirkt hat, erzählte, dass die V1 im Werk 1 an der Lilienthalstraße, direkt an der Mauer zur Spinnfaser, entwickelt worden sei.  Als 1943 alliierte Luftangriffe auf deutsche Städte mehr und mehr den Charakter reinster Terrorangriffe gegen die deutsche Zivilbevölkerung annahmen, ging die Herstellung der V1 (Vergeltungswaffe 1) ab diesem Zeitpunkt in Serie. Die erste Serie von 500 Exemplaren wurde in Rothwesten unter größter Geheimhaltung gebaut. Die weiteren dann in Nordshausen, größtenteils von Zwangsarbeitern.

In den Gerhard-Fieseler-Werken wurden bis zu 6000 ausländische Fremd- und Zwangsarbeiter eingesetzt. Die älteren Bewohner der Forstfeldsiedlung, alles Mitarbeiter der Fieseler-Werke, sprachen nicht darüber, für sie war das alles eine Selbstverständlichkeit. Erst im Buch von Wim de Vries las man von der  z. T. wohl sehr schlechten Behandlung. 

Die Fieseler-Werke - und damit automatisch auch Forstfeld, Waldau und Lohfelden - standen bei der Royal Air-Force ganz oben auf der Liste der zu zerstörenden deutschen Fabriken - schon wegen der V1. Die Fieseler-Werke wurden nur gering zerstört.

Insgesamt produzierte Fieseler 1941 590, 1942 671, 1943 1096 und 1944 1146 Flugzeuge. Daneben wurden Flugzeugteile produziert und Reparaturen durchgeführt. Dementsprechend waren auch die Luftangriffe: 1943: 28.07, 30.07, 03.10, 22.10; 1944: 19.04., 22.09. 27.09. 28.09, 02.10. 07.10. 18.10. Dennoch ging die Produktion weiter, z. T. aber auf viele ausgelagerte Teilbetriebe verstreut.

Weh tat es dem zitierten Mitarbeiter, als dann 1945 von einem Tankwagen Benzin in die Werkshallen gepumpt wurde und ein deutscher Soldat mit einer Leuchtpistole alles in Brand setzte, um nicht dem anrückenden Feind funktionierende Fabriken zu hinterlassen.

Redaktion: Falk Urlen

Link: Erster Marschflugkörper der Welt aus Bettenhausen

Sie können das Interview in 2 Teilen herunterladen und anhören.

 

 

Dokumente zum Herunterladen:

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Interview Heinrich Peter, Teil 1
[mp3-Datei; Größe 6.89 MB]
mp3
Interview Heinrich Peter, Teil 2
[mp3-Datei; Größe 9.00 MB]
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