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Das "Lettenlager" hat jetzt ein Gesicht

I. Neicinieks am alten Torpfosten, Foto: Falk Urlen, 2009

Eine ehemalige "DP" (Displaced Person) besucht die Stätte ihrer frühesten Kindheit am Forstbachweg

Pfarrerin Schleßman rief mich im Juni 2009 an und fragte, ob ich Englisch könnte und etwas über das „Junkers-Camp“ wüßte. Nachdem ich die Frage bejaht hatte, standen 5 Minuten später zwei Damen aus Australien vor meiner Tür. Kaum in Deutschland angekommen war ihr erster Weg nach Forstfeld, um zu sehen, wo die eine von ihnen aufgewachsen war. Natürlich war heute vom Lager nichts mehr zu finden. Wir setzten uns also vor meinen Computer und suchten die entsprechenden Bilder der Baracken. Da saß mein Besuch nun und konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Mlitärfahrzeug am Lettenlager Forstbachweg, 1946

Militärfahrzeug in der Einfahrt zum Lettenlager/Junkers Camp 1946
Foto: Unesco im Internet

Ilse war 1945 geboren und bewohnte von 1946 bis 1949 dieses „Junkers-Camp“ und ging hier in den Kindergarten. Konkrete Erinnerungen daran hatte sie aber leider keine mehr und wenn sie früher ihre Mutter fragte, endete dieses Gespräch nur in Tränen, so dass sie es dann ließ. Sie ließ sich von ihrer Freundin dann am letzten Überrest des Lagers, dem alten Torpfosten, fotografieren. Sie bedankte sich und sagte gerührt: "Diesen Tag in Forstfeld werde ich mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen". Aus Australien mailte sie mir dann einige dieser Fotos. Was aber war das im Volksmund „Lettenlager“ genannte Camp?

Lettenlager-Kindergarten

Ilse Neicinieks (Mitte) mit Mutter (li.) und Erzieherinnen im Lager (1948/49)

Hier wurden nach Kriegsende (1945) Menschen aus Estland und Lettland konzentriert, die nach Deutschland verschlagen worden waren (s. u.) Das Lager unterstand der UNESCO und beherbergte1040 Menschen in 28 Steinbaracken.

Diese bestanden aus 4 separaten Zweizimmerappartements, in denen mehr als eine Familie wohnte. Eine Prüfungskommission fand 1946 die Wohnungen des Lagers „Junkers“ sauber, gut erhalten und ausreichend belichtet, aber überbelegt. In jedem großen Zimmer standen 6 bis 8 Betten, in jedem kleinen 3 bis 4. Es gab fließend Wasser, elektrische Beleuchtung, Einzelöfen und dreimal pro Woche wurde der Müll von deutschen Arbeitern entsorgt, es gab sogar Gemeinschaftsduschen mit Warmwasser für Männer und Frauen. Die Einzelappartements hatten WCs und Waschbecken mit Kaltwasser. Die Verpflegung kam vom „Special Rations Displaced Persons Warehouse“, die Tagesration war 2000 Kalorien, Arbeiter bekamen 3100 Kalorien und unterernährte Kinder, schwangere und stillende Mütter 324,4 Kalorien extra. Ältere Siedler vom Lindenberg erinnern sich noch, wie man hier „gekunkelt“ hat, Obst gegen Weißbrot, andere sprachen auch von Schwarzmarkt. Es gab einen Kindergarten mit 30 Kindern, eine Grundschule mit 92 Kindern, eine weiterführende Schule mit 37 Kindern und eine „Universität“ mit 448 erwachsenen Studenten, die von lettischen professionellen Lehrern unterrichtet wurden (Forstwesen, Landwirtschaft, medizinische und technische Fächer, Philosophie, Musik und Sprachen). Es gab daneben Klassen für Nähen, Kunst, Mechanik, Autofahren und Frisieren sowie ein 70-Betten-Krankenhaus mit 3 Ärzten und 11 Krankenschwestern und eine Krankenhausapotheke. 26 Männer – durch Armbinden gekennzeichnet – versahen einen unbewaffneten Polizeidienst. Von drei Seiten war das Lager mit einem Zaun versehen. Daneben gab es eine große Sporthalle, ein Lagertheater und einen Swimmingpool, der ein ehemaliger Feuerlöschteich gewesen war, wie mir ältere Bürger erzählten. Es gab einen Chor, Tanzgruppen und Pfadfindergruppen. Die Kommission bewertete das Lager als „exzellent“. Wie man hier liest, war das eine richtige kleine Stadt.

Ilse Neicinieks erzählte mir, wie dankbar sie noch heute ist, dass ihre Mutter die Möglichkeit zur Auswanderung nach Australien wahrgenommen hat.

Das letzte Zeugnis für dieses Lager ist heute nur noch der im Augenblick blau gestrichene Torpfeiler.

Hintergrund

Das Lager war Anfang der 40er-Jahre von der Firma Junkers-Flugzeug- und Motorenwerke für Lehrlinge und Fremdarbeiter gebaut worden, das Zugangstor war dort, wo heute das Haus Forstbachweg steht.

Ab 1946 wurden hier "DPs" (Displaced Persons) aus Lettland und Estland" konzentriert. In Deutschland gab es nach dem Krieg elf Millionen DPs, die im Wesentlichen aus Osteuropa stammten, es waren die Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppten der nationalsozialistischen Herrschaft, Kriegsgefangene, Konzentrationslagerhäftlinge, Menschen, die nach Kriegsbeginnin in Deutschland eine Arbeit aufgenommen hatten oder danach vor der Sowjetarmee geflüchtet waren, auch solche, die in deutschen Streitmächten  gekämpft hatten. . Lt. alliierter Vereinbarung mit der Sowjetunion mussten alle wieder in die Sowjetunion zurückgeführt werden, das bedeutete für viele Tod oder Zwangsarbeit. Viele weigerten sich, zurückgeführt zu werden, so zog sich die Verweildauer in den Camps in die Länge. Viele begingen lieber Selbstmord, als zurückgeführt zu werden.. Displaced Persons waren überall unbeliebt, bei den Amerikanern, weil diese sie verpflegen mussten, bei den Deutschen, weil sie ihnen Wohnraum wegnahmen.

Weiterentwicklung

Nach 1949 waren die Steinbaracken dann in Zeiten großer Wohnungsnot begehrte Wohnungen, ein Teil wurde an Polizeibeamte vermietet. Auch die Schule Am Lindenberg begann in den Schulräumen des Lettenlagers mit dem Unterricht. Hier entstanden dann einige Gewerbebetriebe und aus dem Casino wurde die Gaststätte „Forstterrassen“, von diesen schwärmen ältere Forstfelder bis heute. Opa Theumer schmückte immer alles so schön. Später wurden einige der Barracken für die Unterbringung Obdachloser verwendet, das Zusammenleben auf so engem Raum gab immer wieder Gründe für Tätlichkeiten, die man dann in der Kasseler Zeitung nachlesen konnte. Die Probleme eskalierten dann in der demonstrativen Besetzung der sog. „Belgiersiedlung“ nahe der Heinrich-Mohn-Str., da Häuser der ehemals hier stationierten belgischen Soldaten leer standen. Ende der 70er Jahre wurden diese Barracken endlich abgerissen und auf dem Gelände ein Sozialzentrum, ein Kindergarten, eine Sonderschule und ca. 400 Sozialwohnungen gebaut. Schule und Straße wurden nach dem Frankfurter Sonderschulpädagogen Heinrich-Steul benannt.

 

Lettenlager, Collage

Links: Blaupause des Junkers-Lager aus dem Archiv Rolf Nagel,

rechts oben: Entlassungsschein Ilse Neicinieks,

rechts unten: Teilansicht des "Lettenlagers"

 

Am 24.11.09 erhielt ich von der Unteren Denkmalschutzbehörde ein Schreiben, in dem u. a. zu lesen ist:

"Nachdem wir die Informationen des Stadtarchivs erhalten haben .., wurde vom Landesamt Hessen, das für die Erfassung von Denkmälern zuständig ist, der verbliebene Torpfosten als Kulturdenkmal aus geschichtlichen Gründen eingestuft. Damit sind die rechtlichen Voraussetzungen für den Erhalt gegeben." Es wird außerdem empfohlen, dass der Ortsbeirat eine Erinnerungstafel finanziert.

 

Ende der 90er-Jahre führte ich mit einer Anwohnerin des Lindenbergs ein Interview über die Besiedelung des Faustmühlenweges, in dem Zusammenhang sprach diese auch über das "Lettenlager". Weder sie noch er hatten damals genauere Kenntnisse über die Hintergründe, Frau Reschmann erzählt ihre Erinnerungen (Interview Falk Urlen für das Freie Radio Kassel)..

 

Anlage: Broschüre: Falk Urlen, "Das Lettenlager am Forstbachweg", 2. Auflage

 

Dokumente zum Herunterladen:

mp3
Interview Reschmann Lettenlager
[mp3-Datei; Größe 1.70 MB]
pdf
Lettenlager 2. Auflage
[pdf-Datei; Größe 2.31 MB]
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