Textbeitrag von Erhard Schaeffer
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Der Siechenhof vor den Toren der Stadt

Zeit: 1250-1299 | Ort: Siechenhof 
Bruno Jacob, 1927

Der Siechenhof wurde im 13. Jahrhundert (Erste Erwähnung 1264) als Hospital für Aussätzige errichtet. Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Gebäude fast völlig zerstört. Wieder aufgebaut, fielen sie im Siebenjährigen Krieg einem Brandanschlag zu Opfer. Die zum Siechenhof gehörende Kapelle musste im Lauf der Geschichte mehrmals instand gesetzt werden. Sie blieb, als eine der wenigen Kasseler Kapellen aus dem Mittelalter, bis nach dem Zweiten Weltkrieg der Nachwelt erhalten.

In der Schrift -Cassel in historisch-topographischer Hinsicht nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe- erschienen 1805 in der neuen akademischen Buchhandlung Marburg steht: „Der Siechenhof liegt vor dem Leipziger Tore, am diesseitigen Ende der Leipziger Vorstadt. Ehemals wurde er Sonder Siechenhof genannt. Ringsum ist er mit einer Mannshohen steinernen Mauer umgeben und hat eine besondere Kapelle, worin der zweite Prediger der Unterneustädter Gemeinde den Gottesdienst hält. Die Kapelle stand schon im Jahre 1383 in dem Forste vor Cassel, welcher sich zu der Zeit in diese Gegend erstreckt hat.“

Der Siechenhof eine Stiftung von Landgraf Hermann dem Gelehrten
Die Entstehung der Unterneustadt geht auf Landgraf Heinrich I (1247 - 1308) zurück, der das in der heutigen Karlsaue gelegene Dorf Feldhagen - auch Feldrain genannt - an das Fuldaufer gegenüber der Altstadt umsiedelte und die "Neustadt" gründete. Mit der Errichtung der Hugenottenstadt (Oberstadt) wurde die Neustadt 1688 in "Unterneustadt" umbenannt. In der Neustadt wurde der Siechenhof als Lepra-Hospital eingerichtet. Das Hospital Siechenhof war eine Stiftung von Landgraf Hermann dem Gelehrten vom 12.09.1383 und diente bis Ende des 16. Jahrhundert als Aufenthaltsort für Menschen mit unheilbaren, ansteckenden Krankheiten. Man versuchte zu dieser Zeit, die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern indem man die Hospitäler außerhalb einer Stadt anlegte. Nachdem das Elisabeth Hospital seit 1330 in den Stadtgrenzen lag, war somit ein neues Siechenhaus weit ab der Stadt vonnöten gewesen. Durch eine Reihe von testamentarischen Verfügungen von Kasseler Bürgern und Stiftungen der Landgrafen wird das Hospital zum Heiligen Geiste, wie es damals genannt wurde, ausgebaut und unterhalten. Ab dem 17. Jahrhundert waren Aussätzige im Hospital nicht mehr untergebracht, es diente als Krankenhaus zur Aufnahme kranker und altersschwacher Menschen. Die Alten kauften sich in dieser Zeit im Hospital ein, wie z. B. 1605 der Stadtschlosser Gauck und seine Ehefrau. Über die ältere spätgotische Anlage weiß man nur wenig. Man muss annehmen, das diese in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges 1626 unterging. Die Eigentumsrechte an der landgräflichen Stiftung blieben aber auch zukünftig immer beim Staat.

Ausschnitt Ansicht Kassels von Osten, 1742 J.L.Christoph
Ausschnitt aus Ansicht der Stadt Cassel von Osten 1742, Quelle Lagis Hessen
Mitte der Siechenhof mit Kapelle (41) und Häusern (42) links daneben die Häuser der Leipziger Vorstadt (40)

Die Zerstörung im siebenjährigen Krieg und der Wiederaufbau
Berichtet wird vom Siechenhof auch in den Schilderungen über den siebenjährigen Krieg (1756-1763): „Prinz Isenburg, der Kassel verteidigen sollte, weichte mit seinen Einheiten den schnell vordringenden französischen Truppen nach Sandershausen aus. Kassel war bereits geräumt worden. Das vorliegende Dorf Bettenhausen blieb von hessischen Jägern und Husaren besetzt. Nach dem die Spitze der französischen Infrantrie von Kassel bis zum Siechenhof vorgerückt war, attackierte sie sogleich die in Bettenhausen befindlichen Jäger. Die sich hinter den Lossebach zurückzogen“. Es kommt 1761 zur Schlacht am Sandershäuser Berg. Aber erst in der Schlacht bei Wilhelmstal 1762, die zur Kapitulation der Franzosen in Kassel führte, wurde die Siechenhofanlage von den Belagerten in Brand gesetzt. Der Schaden war erheblich und belief sich auf 10.524 Taler. Die Kapelle wurde nach 1763 wieder instand gesetzt und eine kleine Orgel eingebaut. 1789 bestand der Siechenhof aus drei kleinen Häuschen in der Flucht der Leipziger Strasse, einem mittleren zurückliegendem Gebäude und der Kapelle.

Leipziger Vorstadt Kassel 1878.jpg

Kartenauschnitt des Stadtplanes von Cassel 1878
Quelle: Geographische lithographische Anstalt in Leipzig

Die Kapelle lag an der Leipziger Straße vor der Leipziger Vorstadt, die hauptsächlich aus Gasthöfen bestand und Reisende vor und nach dem Besuch der Stadt Cassel zur Übernachtung dienten. Der weitere Neubau erfolgte nur langsam erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts. Zur Anlage gehörten auch ein Brunnen, der aus der Eichwasserleitung gespeist wurde und ein kleiner Friedhof hinter dem Chor der Kapelle. Der Siechenhof lag dicht an der Hochwasserzone der Fulda, die über die Schwanenwiese, die lange Zeit der öffentlichen Hinrichtung diente, verlief, deshalb war er bei Hochflut oft nur mit kleinen Booten erreichbar. Das belegten auch die Hochwassermarken an der Umfriedungsmauer.

Leipziger Straße mit Leipzigervorstadt und Sichenhofkapelle, 1927

Die Leipziger Straße in den 1920er Jahren, rechts im Hintergrund ist aus der Flucht stehend die Kapelle des Siechenhofes zu erkennen. 1943 wurde die gesamte rechte Häuserzeile von Nr. 65 bis Nr. 95  (ehemals Leipziger Vorstadt)  und Teile des Siechenhofes ausgebombt. Die Siechenhofkapelle erlitt nur geringen Schaden.
Archiv: Bettenhausen früher und heute

Leipziger Str. 109, Siechenhof als Ansicht 1927

Der Siechenhof 1927
Archiv: Bettenhausen früher und heute

Die Nutzung als Altenheim bis zum Abriss
Mit der Einweihung der Charité 1785, die beim Dorf Bettenhausen lag, verlor der Siechenhof seine Bedeutung als Hospital für Kranke und war nur noch Altenheim. Ein Neubau nach Plänen von Jussow im Jahre 1866 kam nicht zur Ausführung. Am 19.6.1866 marschieren die preußischen Truppen, die zum Teil im Siechenhof und in der Unterneustadt Quartier beziehen, nach Kassel ein.
Der Hof überstand das 19.Jahrhundert und die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts fast unbeschadet. Die Kapelle blieb, als eine der wenigen Kasseler gotischen Kapellen aus dem Mittelalter, bis nach dem Zweiten Weltkrieg der Nachwelt erhalten, um dann 1954 der Verbreiterung der Leipziger Straße weichen zu müssen. Zu diesem Zeitpunkt lag der Siechenhof in der Leipziger Straße 63 schon lange nicht mehr vor den Toren von Kassel, sondern war, nicht zuletzt mit der Eingemeindung von Bettenhausen (1906), in die Stadt eingegliedert. In der heutigen Unterneustädter Kirche, Hafentraße 13, hängt die Glocke der Siechenkapelle, die Landgraf Moritz im Jahre 1613 stiftete. Somit schlägt diese Kirche, die aus den alten Steinen der zerstörten Kirche am Uterneustädter Kirchplatz 1953 erichtet wurde, eine Brücke in die Vergangenheit.

Editor: Erhard Schaeffer, 2010

Qellen:

  • Bruno Jacob, Festschrift zur Feier des 800jährigen Bestehens von Bettenhausen, 1927
  • Geschichte des siebenjährigen Krieges/books.google.de
  • Cassel in historisch-topographischer Hinsicht/books.google.de
  • Die Unterneustadt -Kassels Quartier am Fluss- unterneustadt.de/stadtteil/historie
  • Siechenhäuser und Hospitäler in Kassel, Alois Holtmeyer: Alt Cassel, Marburg 1913
  • Bildband Bettenhausen von Claus Feldner und Peter Wieden, 1989
  • 725 Unterneustadt vom Ortsbeirat Unterneustadt, 2008

 

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