Textbeitrag von Bernd Schaeffer
Weitere Beiträge von Bernd Schaeffer (66)

Weitere Beiträge zum Thema
"Stadtentwicklung":


Weitere Beiträge zum Thema
"Handel und Dienstleistungen":

Der Bahnhof Bettenhausen und die Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn

Zeit: 1874 | Ort: Bahnhof Bettenhausen 
Bahnhof Bettenhausen, 1985, Foto: Bettenhausenarhiv

Nach dem Abriss des zweiten Bettenhäuser Bahnhofs in 1998 und die Errichtung einer modernen Autowerkstatt an gleicher Stelle in der Leipziger Str. 90 ist heute, Nov. 2010, nicht mehr zu erkennen, dass Bettenhausen Anschluss an den überregionalen Eisenbahnverkehr hatte. Grund genug, um an die Zeit zu erinnern, als die Bettenhäuser von ihrem Bahnhof aus entweder mit dem „Botenlieschen“ ohne umzusteigen nach Waldkappel oder mit Umstieg in die weite Welt fahren konnten.

Mit einem dem Zeitgeist entsprechenden Pathos berichtete die „Hessische Morgenzeitung“ in Kassel am 1. Dezember 1879 über die Eröffnung der Teilstrecke von Bettenhausen nach Waldkappel
„… Gegen 9 Uhr früh lief der erste Personenzug auf der neuen Strecke in den Bahnhof Bettenhausen ein. Der ganze Zug war festlich mit Tannengrün geschmückt; er bestand aus Lokomotive und je einem Wagen erster, zweiter, dritter und vierter Klasse sowie einem Packwagen. Eine ganze Anzahl prominenter Bürger aus den größeren von der Bahn berührten Stationen hatten es sich nicht nehmen lassen, diese Eröffnungsfahrt mitzumachen. Auf dem (noch) Endbahnhof Bettenhausen herrschte frohes Treiben. Zahlreiche Neugierige hatten sich eingefunden. Der Bahnhof und einige Häuser Bettenhausens hatten geflaggt, das Schwarz-Weiß Preußens und das Schwarz-Weiß-Rot des jungen Reiches.“
Die Verbindung von Bettenhausen in Richtung Kasseler Hauptbahnhof war erst am 15. März 1880 befahrbar. Die Gesamtlänge vom Hauptbahnhof bis nach Waldkappel betrug 49,6 km.
Grundlage für den Bau der Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn (CWE, da Kassel bis 1926 mit“C“ geschrieben wurde) war das Gesetz vom 17. Juni 1874, in dem festgelegt worden war, dass die Teilstrecke aus strategischen Gründen Bestandteil der Schienenverbindung Berlin – Coblenz (der sogenannten Kanonenbahn) werden sollte.
An den Erdarbeiten entlang der Bahnstrecke beteiligte sich auch die Bettenhäuser Firma Bartels und Waßmuth.
Neben dem stattlichen Bahnhofsgebäude, erbaut auf dem zu Kassel gehörenden Forstgelände, entstand ein verzweigtes Netz von Anschlussgleisen; dazu gehörten die Verbindungen zum Elektrizitätswerk an der Losse (1912), zum nahegelegenen Gaswerk (1894), zum Hafen an der Fulda (1904) und zur Firma Salzmann & Comp.
Rückblickend kann festgehalten werden, dass die Entwicklung des Dorfes Bettenhausen zum wichtigsten Industriestandort der Stadt Kassel ohne diese Bahnanbindung nicht möglich gewesen wäre. Aber auch in den Gemeinden des nun verkehrstechnisch besser erschlossenen Lossetals entwickelten sich neue Unternehmen und die dort vorhandenen Rohstoffe wie Basalt, Kohle, Ton und Holz konnten leichter abtransportiert werden.
Dabei spielte nicht nur der Gütertransport eine Rolle, mitentscheidend für die dynamische Entwicklung von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg war die Tatsache, dass die stark zunehmende Zahl an Industriearbeitern und Arbeiterinnen mit der Eisenbahn aus der ländlichen Region an ihre Arbeitsplätze in Kassel und zurück befördert werden konnte.
Wie schnell sich der Personenverkehr auf der CWE entwickelte, ist an der Steigerung des Fahrkartenverkaufs ablesbar. In Kassel-Bettenhausen wurden verkauft:

1884: 58 791 Fahrkarten,  1906: 147 121 Fahrkarten,  1926: 216 151 Fahrkarten.

Das bedingte auch den Einsatz von mehr Personenzügen und einer dichteren Zugfolge. Verkehrten 1880 auf der CWE täglich nur vier Personenzüge zwischen Kassel und Waldkappel, waren es im Sommer 1929 schon 28 Zugverbindungen. Die Reisegeschwindigkeit steigerte sich dank des technischen Fortschritts ständig. Am Tag der Eröffnung dauerte die Fahrt für die knapp 50 Kilometer von Kassel nach Waldkappel über zwei Stunden; 1984 schaffte das eine Diesellok in einer Stunde.

Leipziger Str. 90, Bahnhof 1943

Bahnhof Bettenhausen vor der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg 1943
Foto: Bettenhausenarchiv Agathof


Die CWE entwickelte sich zum „Lebensnerv“ des Lossetals. Der Bahnhof in Bettenhausen wuchs mit seinen Aufgaben. Es entstanden großflächige Güterschuppen, Stellwerke, Lok - Befüllungsanlagen und ein Ablaufberg zum Rangieren der Waggons in die richtige Wagenfolge.

Bahnhof Bettenhausen, Stellwerk, 2001

Bahnhof Bettenhausen, Stellwerk, 2001
Foto: B. Schaeffer, 2001

Die Bedeutung des Bahnhofgeländes hatte zur Folge, dass die Anlage im Zweiten Weltkrieg ein bevorzugtes Ziel für Bombenangriffe wurde. Ein Volltreffer im Juli 1944 zerstörte den Westflügel des Empfangsgebäudes völlig.
Im März 1945 sollen nach Augenzeugenberichten bei der Plünderung von Lebensmitteln im Bahnhofsgelände Schüsse gefallen sein. Das Empfangsgebäude wurde nach 1945 nicht wieder in der alten symmetrischen Form aufgebaut. Neben dem Fahrkartenverkauf und der Abfertigungshalle für Personen und Gepäck bot das Gebäude Wohnraum für die Bahnbediensteten der Station.

Bahnhof Bettenhausen alt, 1962

Der vom Krieg verschonte Ostteil des Bahnhofs Bettenhausen in 1962
Foto: Ausschnit AK von 1962, Archiv K-P. Wieddekind, Kassel  

Als 1962 der alte Bahnhof durch einen modernen Neubau ersetzt wurde, glaubten viele Bettenhäuser noch an eine Zukunft der Bahn und des Schienenverkehrs ins Lossetal.

Bahnhof Bettenhausen, 1972

Bahnhof Bettenhausen, Neubau von 1962
Foto: W. Schiller, 1972

Doch schon im 1976 vorgelegten Rationalisierungsplan der Bundesbahn (dem Betreiber der Zugverbindung) wird die Strecke Kassel – Eschwege als unrentabel bezeichnet und sollte stillgelegt werden.
Was hatte sich zwischenzeitlich so verändert, dass die Rentabilität der Zugverbindung nicht mehr gegeben war? Die Bundesbahn selbst hatte angefangen, parallel zur Bahnstrecke Busse einzusetzen, die die Reisenden in den Ortschaften besser, auf kürzeren Wegen, erreichen konnten. Aus Geografischen- und Kostengründen war die Streckenführung der CWE in einiger Entfernung zu den Ortsmittelpunkten gebaut worden, und konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr mit den Bussen konkurrieren. Hinzu kam, dass mit hohem finanziellen Aufwand die schienengleichen Bahnübergänge durch Brücken und Unterführungen ersetzt worden waren, was dem Straßenverkehr und damit auch den parallel fahrenden Bahnbussen zu einer deutlichen Zeitersparnis verhalf.
Von nun ging es mit dem Zugverkehr nach Waldkappel und der Bedeutung des Bahnhofs in Bettenhausen deutlich bergab. Am 31. Mai 1985 fuhr auf der Strecke von Kassel Hbf. über Waldkappel nach Eschwege der letzte Personenzug. Unter Anteilnahme und Protest der Bevölkerung wurde die Strecke nach mehr als 100 Jahren Betrieb stillgelegt.
Am Fahrkartenschalter im Bahnhof Bettenhausen konnten noch ein paar Jahre Fahrkarten für das Netz der Bundesbahn erworben werden, bis auch dieser Service eingestellt wurde. Der Güterverkehr wurde auf rentablen Teilstrecken bis zum heutigen Tage aufrecht erhalten.

Ab 1997 wurde ein Teilstück der CWE bis Kaufungen Papierfabrik durch die Integration in das Straßenbahnnetz der KVG reaktiviert. Die elektrifizierte Strecke, auf der die Regiotram verkehrt gehört zum NVV-Bereich und trägt die Bezeichnung „Lossetalbahn“. Ab 8. Juni 2001 fährt die „Lossetalbahn“ wieder bis Helsa. Die Strecke wurde am 29. Juni 2006 bis Hess. Lichtenau verlängert. Die Linienführung weicht erkennbar von der Strecke der CWE ab und verläuft benutzerfreundlich in der Nähe der Wohngebiete. Der parallel verlaufende Busverkehr wurde eingestellt. An festgelegten Stationen besteht Anschluss an die Buslinien in die Region.

Leipziger Str. 90, 2010, ehem. Bahnhof
Leipziger Str. 90, Autowerkstatt an der Stelle des Bahnhofs, 2010
Foto: B. Schaeffer; Kassel

Das zweite Empfangsgebäude des Bettenhäuser Bahnhofs aus 1962 wurde, wie eingangs erwähnt, in 1998 abgerissen. Auf der Brachfläche entstand 2010 die moderne Autowerkstatt eines überregionalen Anbieters.

Editor: Bernd Schaeffer, Nov. 2010


Qellen:

  • Ab von Kassel, Koch/Schmidt, Verlag Vogt, Hess. Lichtenau, 1993
  • Geschichte des Dorfes Bettenhausen, B. Jacob, Hrsg. Bürgerverein Bth., 1927
  • HNA vom 02.03.1999
  • Wikipedia, Bahnstrecke Kassel www.vergessene-bahnen.de
  • www.steamy.de/bahnhoefe/bettenhausen/

 

 

Finden Sie diesen Beitrag empfehlenswert ? Einfach auf das Feld klicken:
JA
1290 sagen empfehlenswert
1297 sagen neutral
1327 sagen nicht empfehlenswert