Textbeitrag von Falk Urlen
Weitere Beiträge von Falk Urlen (76)

Weitere Beiträge zum Thema
"Jubiläen":


Weitere Beiträge zum Thema
"Siedlungsgesellschaften / Genossenschaften":

75 Jahre Siedlergemeinschaft Forstfeld – die Fieselersiedlung

Foto: Bettenhausen - Historische Photographien, 1989, S. 75

Die Fieseler-Siedlung wurde ab 1935 erbaut, als Wohnungen für die Mitarbeiter der Fieseler GmbH, die in Bettenhausen und Lohfelden 2 Rüstungswerke aufbaute. Bis heute treffen sich die Mitglieder der Gemeinschaft regelmäßig und halten zusammen. Sie feiern im August 2011 ihr 75-jähriges Bestehen.

1933, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wurde heimlich mit der Wiederaufrüstung Deutschlands begonnen. 1934 wurden die Fieseler-Werke zum offiziellen Rüstungsbetrieb erklärt. Für zwei neue Werke brauchte man nun Facharbeiter, die in ganz Deutschland angeworben wurden. Um die Familien zusammenzuführen und die Arbeiter eng an ihre Werke zu binden, wurde die „Fieseler-Siedlung“ von 1935 bis 1938 mit 286 Häusern und 484 Wohnungen zwischen Forstbachweg und Heinrich-Petersen-Str und Ochshäuser Str. und Wahlebachweg erbaut. Sie sind in einheitlicher Flucht angeordnet, in Paaren oder Reihen erbaut, um die Fläche optimal zu nutzen. Die Bewerber mussten durch ärztliche Untersuchungen ihre „Siedlungsfähigkeit“ nachweisen, wenn die Ehefrau Erfahrungen in der Landwirtschaft hatte, war das förderlich, außerdem sollten sie „politisch zuverlässig“ im nationalsozialistischen Sinne sein, auch wurde ein sog. „Ariernachweis“ verlangt.

Die Wohnungen waren zwischen 48 und 58 m2 groß, was nach dem Krieg viele einzelne Umbaumaßnahmen nach sich zog. Es war die modernste Arbeitersiedlung Deutschlands (Toilette innen), weswegen die Siedlung in den 80er Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden war, der aber wegen des immensen Protestes der Bewohnerinnen und Bewohner wieder zurückgenommen wurde.

Die Pflichten des Heimstätters wurden in der Auflassung genau festgehalten, auch die Folgen, d. h. dass ihm bei Zuwiderhandlung die Heimstätte entzogen werden konnte. Das galt auch bei einer fristlosen Entlassung aus der Fieseler-Werke-GmbH. Sämtliche Gärten wurden gleich angelegt, in jedem Garten stand die gleiche Apfelsorte an der gleichen Stelle. Ein Ziergarten war nicht vorgesehen. Kleintierhaltung war zwingend vorgeschrieben. Ein von Gerhard Fieseler eingesetzter Gemeinschaftsleiter überprüfte u. a. auch das. Damit nur Werksangehörige der Firma Fieseler hier wohnen konnten, wurde zugunsten der Fieseler-Werke ein Vorkaufsrecht eingetragen, welches noch heute im Grundbuch besteht, wenn man es nicht durch eine erhebliche Zahlung an die Fieseler-Stiftung abgelöst hat.

Kanalisation, Trinkwasserversorgung und elektrischer Strom waren von Anfang an vorhanden, nicht aber die Straßenbefestigung, die erst in den 50-er Jahren erfolgte. Zuvor waren die Straßen Eigentum der Siedler.

Aus heutiger Sicht ist es verwunderlich, dass der Ausbruch des Krieges die Siedler, so wie es überliefert wurde, völlig unerwartet traf, zumal sie ja alle in Rüstungsbetrieben arbeiteten. Unter dem Schröderplatz war ein großer Bunker entstanden sowie viele kleinere auf den Grundstücken.

Nach 1945 ging es dann langsam wieder aufwärts. Aufgrund der neuen Gewerbefreiheit ließen sich Gewerbebetriebe in unserer Siedlung nieder. Es gab bald Ärzte, Apotheker und eine Hebamme, die Post errichtete eine Fernsprech­- und Posthilfsstelle. Die Forderung nach einer Anbindung an den Nahverkehr ließ sich aber noch lange nicht durchsetzen. Gefeiert wurde in der Gaststätte „Theumer“ auf dem Gelände des „Lettenlagers“, welches dann praktisch durch das „Haus Forstbachweg“ ersetzt wurde. Seither treffen sich die Siedler hier regelmäßig und führen hier auch ihre Veranstaltungen durch. Seit 1986 wird einmal im Jahr das Schröderplatzfest gefeiert, zu dem immer mehr Menschen kommen und das heute die wichtigste Veranstaltung in Forstfeld ist. Viele Jahre lang führte man mit anderen Gemeinschaften zusammen im Bürgerhaus Lohfelden eine große Karnevalsveranstaltung durch.

Regelmäßig fahren die Mitglieder der Gemeinschaft zu Theaterveranstaltungen oder Ausstellungen. Die Frauen treffen sich einmal im Monat.

Im August 2011 feiern die Siedler drei Tage lang ihr Jubiläum und gleichzeitig das 25. Schröderplatzfest mit einem ökumenischen Gottesdienst, einem Kreissiedlertreffen und einem „Bandcontest“ für die jüngen Leute.

Die Gemeinschaft hat sich so von einer Selbsthilfegemeinschaft zu einem Nachbarschaftsverein entwickelt und wird heute von einem recht jungen und dynamischen Vorstand geleitet.

Schröderplatzfest

Foto: Nick Mitmanski - Schröderplatzfest

Autor: Falk Urlen, 2011

 

Der Autor hat zum 70jährigen Jubiläum ein 90minütiges Video produziert, Sie können es hier betrachten.

Wenn Sie sich ausführlicher unterrichten möchten, können Sie die Broschüre mit der ausführlichen Geschichte  herunterladen.

 

Dokumente zum Herunterladen:

pdf
Broschüre Forstfeld-Siedlung
[pdf-Datei; Größe 3.02 MB]
pdf
75 J Forstfeld
[pdf-Datei; Größe 10.81 MB]
Finden Sie diesen Beitrag empfehlenswert ? Einfach auf das Feld klicken:
JA
810 sagen empfehlenswert
685 sagen neutral
705 sagen nicht empfehlenswert